Können wir bitte endlich aufhören, von einem US-Schlamassel zu reden? Niemand hat die USA im Irak in einen Sumpf oder Morast hineingezogen; sondern sie sind aus freien Stücken von der Klippe gesprungen. Und die einzige Frage, die sich jetzt stellt, lautet: Wer folgt dem Bush-Clan in den Abgrund, und wer weigert sich zu springen?

Gott sei Dank entscheiden sich immer mehr für Letzteres. Die in den vergangenen Wochen wieder aufflammende US-Aggression hat zugleich etwas angefacht, was man nur als Meuterei bezeichnen kann. Scharenweise widersetzen sich Soldaten, Arbeiter und Politiker den Anweisungen der US-Autorität und verlassen ihre Posten. Den Anfang machte Spanien mit seinem Truppenrückzug, gefolgt von Honduras, der Dominikanischen Republik, Nicaragua und Kasachstan. Südkorea und Bulgarien haben ihre Streitkräfte in die Stützpunkte zurückbeordert, Neuseeland hat seine Ingenieure abgezogen . . .

Dazu kommen die Widerständler in der von den USA kontrollierten irakischen Armee. Seit dem Beginn der letzten Kampfhandlungen haben viele Soldaten ihre Waffen an die Aufständischen im Süden übergeben und sich geweigert, in Falluja zu kämpfen, mit der Begründung, das sie der Armee nicht beigetreten sind, um ihre eigenen Leute umzubringen.

Rebellion gegen die US-Autorität im Irak ist weder Verrat noch ein Nachgeben gegenüber den Terroristen, wie Bush jüngst dem neuen spanischen Premier vorgeworfen hat. Es ist eine völlig vernünftige Grundsatzentscheidung, in Reaktion auf eine Politik, die jeden, der unter US-Kommando lebt und arbeitet, an den Rand des Grabes führt.

Innerhalb nicht ganz eines Jahres ist das Scheitern der US-Strategie an allen Fronten sichtbar geworden: politisch, ökonomisch und militärisch. Und je mehr dieses vorhersehbare Desaster Gestalt annimmt, desto lauter werden die Rufe nach der UNO. Spaniens Premier Zapatero ersuchte vor dem Truppenrückzug die UN, die Irak-Mission von den Amerikanern zu übernehmen, und selbst Muqtada al-Sadr, der "gesetzlose" schiitische Geistliche, wünscht sich ein Eingreifen der UNO, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Was aber war die Antwort der UN? Sie stellte sich auf allen Linien an die Seite Washingtons, machte damit jede Hoffnung auf eine friedliche Alternative zur Brutalität der US-Okkupation zunichte.

Kofi Annans Ersuchen, die US-Armee möge im Falle einer UN-Rückkehr in den Irak quasi die Funktion des Bodyguards übernehmen, geht in die völlig falsche Richtung: UN-Kräfte sollten vielmehr nur hineingehen, wenn die USA sich zurückziehen. Truppen, die an der Invasion beteiligt waren, müssten durch Peacekeeper - bevorzugt aus arabischen Nachbarstaaten - ersetzt werden, deren Mandat einzig auf die Sicherstellung freier Wahlen beschränkt sein sollte.

Die Invasion des Irak begann mit einem Aufruf zur Meuterei - seitens der USA: In den Wochen vor dem Angriff bombardierte die zentrale US-Kommandostelle irakische Politiker und Militärs mit Anrufen und E-Mails, sich von Saddam abzusetzen. Flugzeuge warfen acht Millionen Flugblätter ab, in denen Soldaten zur Fahnenflucht aufgerufen wurden - verbunden mit der Zusicherung, dass sie keinerlei Sanktionen zu befürchten hätten. Tatsächlich wurden sie auf der Stelle gefeuert, als Bremer sein Amt antrat. Das ist nur eines von zahllosen Beispielen für die Inkompetenz der US-Führung, die auch den letzten noch verbliebenen Unterstützern des Bush-Clans klar machen müsste, was jetzt Not tut: Es ist Zeit für eine Meuterei. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2004)