Genf - Durch die hohe Zahl der Aidstoten wachsen weltweit rund vierzehn Millionen Kinder unter fünfzehn Jahren als Waisen oder Halbwaisen auf. Und die Zahl der Betroffenen wird sich nach Befürchtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis 2010 auf rund 25 Millionen noch fast verdoppeln.

Aids ist inzwischen weltweit die Haupttodesursache bei Menschen im Alter von 15 bis 59 Jahren, wie die WHO im Weltgesundheitsbericht 2004 betont, der am Dienstag in Genf veröffentlicht wurde. Knapp drei Millionen Menschen starben demnach im vergangenen Jahr an der Immunschwäche.

Kritische Schwelle

Im Kampf gegen Aids stehe die Menschheit an einer kritischen Schwelle, betonte die WHO. Mit Medikamenten, mehr Geld und politischem Willen gebe es die einmalige Chance, den Verlauf der Epidemie zu beeinflussen. "Das ist eine historische Gelegenheit, und wir können es uns nicht erlauben, sie zu verpassen", mahnte WHO-Chef Jong Wook Lee.

"Künftige Generationen werden unsere Ära zu einem großen Teil danach beurteilen, wie wir auf die Aidsepidemie reagiert haben." Zu einer erfolgreichen Strategie gehöre in vielen Ländern der Aufbau oder die Verbesserung der Gesundheitssysteme.

Kampagne erfolgreich

Fast sechs Millionen HIV-Infizierte in Entwicklungsländern werden in naher Zukunft sterben, wenn sie nicht behandelt werden - aber nur rund 400.000 haben im Jahr 2003 eine Therapie bekommen, wie es in dem Bericht mit dem Titel "Die Geschichte verändern" heißt.

Die WHO verwies auf erste Erfolge der Kampagne "Drei bis Fünf". Nach dieser Strategie sollen bis zum Jahr 2005 weltweit drei Millionen HIV- Infizierte mit Medikamenten versorgt werden. Dafür seien bis 2007 allerdings rund 22 Milliarden US-Dollar (knapp 19 Milliarden Euro) nötig, die noch nicht gesichert seien. Etwa die Hälfte aller Menschen, die behandelt werden müssten, leben nach WHO-Angaben in nur sieben Ländern: Südafrika, Indien, Kenia, Simbabwe, Nigeria, Äthiopien und Tansania.

Millionen Menschen getötet

Seit Beginn der Epidemie hat Aids nach WHO-Angaben mehr als 20 Millionen Menschen getötet. Schätzungen zufolge seien 34 bis 46 Millionen Menschen HIV-infiziert. Besonders dramatisch sei die Entwicklung noch immer in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Dort wissen nach Darstellung der WHO noch immer neun von zehn HIV-positiven Menschen nicht, dass sie überhaupt infiziert sind. In der Region südlich der Sahara sei die Lebenserwartung durch Aids deutlich gesunken. Habe sie Ende der 80er Jahre bei 49 Jahren gelegen, werde sie bis 2005 voraussichtlich nur noch weniger als 46 Jahre betragen.

Kosten unterschätzt

Die langfristigen Auswirkungen und die Kosten von Aids seien in vielen betroffenen Ländern bei weitem unterschätzt worden, stellt der Bericht fest. Untersuchungen legen laut WHO nahe, dass einige Länder südlich der Sahara vor einem wirtschaftlichen Kollaps stehen, wenn sie die Epidemie nicht unter Kontrolle bringen.

Weltweit betrachtet sei ungeschützter Geschlechtsverkehr noch immer die Hauptursache für Neuinfektionen, heißt es in dem Bericht. Mit Aids-Epidemien werde in den nächsten Jahren außer in Asien auch in Osteuropa gerechnet, wo die Immunschwäche sich derzeit weltweit am schnellsten ausbreite. In Osteuropa und Zentralasien sei inzwischen ein Prozent der Bevölkerung HIV-positiv, was nur in Afrika südlich der Sahara und in der Karibik übertroffen werde. (APA)