Mehr als "Lippenbekenntnisse" könne man als Konsequenz aus dem Lainz-Skandal nicht vernehmen, sagt Christine Ecker, Präsidentin des Österreichischen Pflegeverbands. Sie spricht auch nicht von einem "Pflegeskandal", sondern von einem "Strukturmängelskandal". Acht Monate nach Bekanntwerden eines Prüfberichts, wonach im Geriatriezentrum "Am Wienerwald" (Lainz) eine Patientin unzureichend gepflegt worden sei, ziehen Ecker und Martha Böhm, Direktorin einer Linzer Krankenpflegeschule, eine ernüchternde Bilanz: "Wo bleibt der nationale Kraftakt für die Pflege, der seit Monaten landauf, landab angekündigt wird?"

Was in Lainz und vor wenigen Wochen in einem Linzer Pflegeheim passiert sei, könne überall geschehen. Angesichts der Belastungen, die das Pflegepersonal zu tragen habe, sei dies nicht verwunderlich. Es fehle an Personal, die in Wien nach dem "Pflegeskandal" Mitarbeitern zugestandene "Geriatriezulage" (max. 90 Euro pro Monat) sei "mehr als dürftig"und motiviere niemanden. Dass in Lainz jetzt statt acht Personen nur noch sechs oder sieben in einem Zimmer liegen, sei keine Verbesserung der Situation. Ecker und Böhm fordern, dass der Betreuungsschlüssel (Patienten je Pfleger/in) verbessert werde. "Das gilt für ganz Österreich."

Wenig Nachwuchs

Angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung und gleichzeitigem Rückgang der Geburtenzahl, würden für die heute 40-Jährigen nicht mehr genug Pfleger vorhanden sein, um sie als 80-Jährige zu versorgen, meinen die beiden Expertinnen. Man müsse daher in die Ausbildung investieren und ein reales Bild des Pflegeberufs vermitteln, damit sich mehr dafür interessieren. Ecker warnt davor, in Imagekampagnen "Superschwestern mit Block und Bleistift, die Anweisungen der Ärzte notieren", zu kreieren.

Obwohl ab Herbst 2004 in der Steiermark das Studium der "Pflegewissenschaften" eingerichtet wird, sind Ecker und Böhm mit dem Ausbildungssystem unzufrieden. Weil es keine Fachmatura für Pflege gibt, seien keine durchgängigen Karrieren in dem Berufsfeld möglich. Nur Maturanten mit "betriebsfremder" Matura (AHS, BHS) könnten anschließend an die Uni, um "Pflege" zu studieren". (aw/DER STANDARD; Printausgabe, 12.5.2004)