London/Rom/Paris - Mit den wachsenden Schwierigkeiten der Besatzungsmächte im Irak befassen sich am Mittwoch zahlreiche europäische Zeitungen:Financial Times

"Es ist jetzt deutlicher als je zuvor, dass das Irak-Unterfangen falsch war. Die Besatzung befindet sich in einer akuten Krise, die sich täglich verschlimmert. Es könnte sein, dass die Situation nicht mehr zu retten ist. Ein Hauch von Panik liegt in der Luft. Washington und London haben aber kaum eine andere Wahl, als sich an den Übergabeplan zu halten. Worte sind nicht mehr genug: Es muss gehandelt werden. Sonst wird der Irak bei der Übergabe der Macht ein geteiltes Land sein. Die Besatzungstruppen brauchen dringend eine neue Strategie. Wenn es US-Präsident George W. Bush nicht gelingt, seinen Ruf wieder herzustellen, verdient er es nicht, im Weißen Haus zu bleiben."

The Guardian

"Der Irak steht vor dem Siedepunkt. Das Weiße Haus und Downing Street üben sich in Verdrängung. Premierminister Tony Blair trägt die Verantwortung, aber er hat keine Autorität mehr. Er wird für Dinge verantwortlich gemacht, die er nicht kontrollieren kann. Er bekommt moralisch die Schläge für alles, was im Irak schief geht. Das ist allerdings seine eigene Schuld, denn Blair könnte damit beginnen, eine unabhängige Position auszuarbeiten."

La Repubblica

"Wir haben gewarnt, das das Schlimmste im Irak erst noch kommt - und es kommt. Die Scheußlichkeit der amerikanischen Folterungen entfesselt die bestialische Steigerung eines menschlichen Opfers. (...) Der Fluss des Krieges lässt Gräueltaten, die von der jeweils anderen Seite begangenen werden, immer weiter zunehmen, und die Märtyrer, die es zu rächen gilt, sowie die Wut, die es loszulassen gilt."

Corriere della Sera

"Das ist die Strategie des Grauens. Die Palästinenser von der Hamas wollten die irakischen Guerillas von Falluja imitieren, die die Leichen ihrer Feinde zur Schau stellten. Und die Al-Kaida-Terroristen präsentierten sich wie die Rächer der Folter im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis. (...) Die brutale Ermordung der US-amerikanischen Geisel, dem weitere Enthauptungen folgen könnten, dürfte eine erste Reaktion auf die Gewalt sein, die im Gefängnis von Abu Ghraib verübt wurde."

"Dagens Nyheter" (Stockholm)

"Die Bush-Regierung hat die Vereinten Nationen und internationales Recht missachtet. Sie hat die Genfer Konvention gebrochen. Die Botschaft dabei war eindeutig: Da wir ein höher stehendes moralisches Recht haben, brauchen wir uns nicht um die zerbrechlichen Regeln zu scheren, die sich die Welt gegen das Chaos des Krieges gegeben hat. Hier gab es einen Mangel an historischer Einsicht mit der irrationellen Vorstellung, das gute Motiv der Entmachtung von Saddam Hussein und des Aufbaus einer Demokratie im Irak würde Fortschritte nach dem militärischen Sieg garantieren. Zweifelhafte Mittel zogen das Ziel in den Dreck."

"Kommersant" (Moskau)

"Eigentlich ist es egal, ob Bush seinen Verteidigungsminister Rumsfeld entlässt oder nicht. Wenn Amerika Krieg führen will, braucht es einen Verteidigungsminister wie Rumsfeld. Selbst wenn er entlassen wird, muss wieder jemand seines Schlages ernannt werden. Und wenn man die brutalen Gefängnisaufseher vor ein Tribunal stellt, müssen sie durch genau solche ersetzt werden. Ist nicht die traurige Wahrheit, dass in jedem Krieg in Militärgefängnissen gefoltert wird? Und wenn man die Folter in Militärgefängnissen beenden will, muss man den Krieg beenden. Aber wie man den Krieg beendet, das weiß weder Bush noch Senator Kerry." (APA/dpa)