Die Entwicklung der vergangenen Wochen zeigt mit aller wünschenswerter Deutlichkeit, dass die Kommunikationsrevolution auch in der Weltpolitik eine gänzlich neue Situation geschaffen hat. Jede Fehlentscheidung, jedes Vergehen bzw. jedes Versäumnis einer Regierung, Fehler rechtzeitig zu korrigieren - erst recht, wenn es um die einzige Supermacht geht -, kann nicht mehr geheim gehalten werden. Dass dabei die amerikanischen Medien, vor allem der US-TV-Sender CBS, jene Tageszeitung, welche vor rund dreißig Jahren den Watergate-Skandal aufgedeckt und Präsident Nixon zur Demission gezwungen hatte, nämlich die Washington Post, sodann die New York Times und allen voran der durch die Aufdeckung des My-Lai-Massakers 1969 berühmt gewordene Chefreporter des New Yorker, Seymour Hersch, die Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten und private Sicherheitsleute blitzschnell und in allen grauenhaften Einzelheiten berichtet und dadurch die Bush-Regierung seit dem 28. April in arge Bedrängnis gebracht haben, wird selbst von arabischen Journalisten anerkannt.

In einem Aufsehen er- regenden Interview wies kürzlich der bekannte linksliberale französische Sozialwissenschafter Pierre Vidal-Naquet darauf hin, dass es in Frankreich fast 40 Jahre bis zum Jahr 2000 gedauert hat, bis die Foltermethoden der Armee in Algerien bekannt geworden sind. Deshalb sei er zwar schockiert durch die abstoßenden Bilder, zugleich aber voll Bewunderung für die schnelle Reaktion der US-Medien. Der Siegeszug der digitalen Fotografie und der Computertechnik hat dann die sofortige weltweite Ausstrahlung bzw. den Abdruck der schändlichen Amateurfotos möglich gemacht.

Die Zeit der Vertuschung ist freilich nur in demokratischen Gesellschaften wie Großbritannien und den Vereinigten Staaten endgültig vorbei. Daran ändern weder die am laufenden Band verbreiteten "Es tut uns Leid"-Reaktionen aus Washington und London etwas, noch die unpassenden Vergleiche mit den viel schlimmeren Abscheulichkeiten aus der Saddam-Ära. Zu Recht kritisierte der bayrische Ministerpräsident und CSU-Chef Stoiber die Misshandlung gefangener Iraker als politische und moralische Katastrophe.

Längst geht es nicht darum, ob Verteidigungsminister Rumsfeld bleibt oder geht. Die Verbrechen von Abu Ghraib, die Vertuschungsversuche und die wütende Reaktion in der arabischen Welt sind Wasser auf den Mühlen der Terroristen.

Längst geht es übrigens nicht nur bzw. nicht in erster Linie um den Irak. Der amerikanische Zeitungskolumnist Thomas L. Friedman schrieb fast verzweifelt vor einigen Tagen in der New York Times: "Amerika läuft Gefahr, etwas viel Wichtigeres als den Krieg im Irak zu verlieren. Wir laufen Gefahr, Amerika als ein Instrument der moralischen Autorität und Inspiration in der Welt zu verlieren. Ich habe nie eine Zeit gekannt, als Amerika und sein Präsident mehr verhasst gewesen wären in der Welt als jetzt."

Diese Worte eines Befürworters des Irak-Abenteuers dürften ein weit verbreitetes Gefühl in der amerikanischen Elite widerspiegeln. Ob der Wirtschaftsaufschwung bis zu den Wahlen andauern wird, und ob die Versuche der Schadensbegrenzung durch die Bush-Regierung dank auch der bisherigen Schwäche des demokratischen Herausforderers die Selbstzweifel des gerade in seinem Idealismus schockierten Amerika beruhigen kann, muss dahingestellt bleiben.

Bush bleibt wenig Zeit, durch schonungslose Offenheit und radikale Korrekturen das eigene Volk zu überzeugen und die Achtung der Freunde Amerikas zurückzugewinnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2004)