Vor der Ära der Textverarbeitung bezeichneten Redewendungen einen Alltagsmythos glücklichen Schreibens: "Gedanken wurden zu Papier gebracht", sorgsam angestrengt wie kleine Kinder zu Bett; oder "sie drängten zum Papier" wie hungrige Tiere zum Futter.

In so unterschiedlichen Filmen wie Was das Herz begehrt (Diane Keaton) und Swimming Pool (Charlotte Rampling) ist es jetzt nicht einmal mehr der Gedanke, sondern gleich die Schriftstellerin selbst, die sich im halbdunklen Zimmer zum Bildschirm gezogen fühlt wie die Motte zum Licht.

Das Glück des Schreibens wird in solchen Filmen weniger denn je als Sinn suchende Arbeit denn als Abenteuer, als Inspiration durch das Leben präsentiert. Das Schreiben macht diese Schreibenden glücklich, weil sie sich nicht mehr um die Richtigkeit von Gedanken bekümmern müssen. (Vielleicht ist es deshalb nicht nur Fortschritt, sondern zum Teil auch der alte Sexismus, dass in diesen Filmen Frauen schreiben.)

Die unteilbare /allerdings gefälschte/ Authentizität des / verfilmten/ Lebens selbst drängt sich über das Medium der Schriftstellerinnen unvermittelt in die Tastatur. Keine Dialektik von Textteil und Textganzem gliedert hier schriftstellerisches Schaffen, sondern der gleichmäßige Rhythmus des Anschlags. Dieser Mythos treibt nicht nur dem "glücklichen" Schreiben das Denken aus, sondern auch dem Bild eines gelungenen, weil "glücklichen" Lebens.

Diese absichtsvolle Beschränkung reizt dazu, all dem eine Gleichsetzung von Leben und Schreiben entgegenzustellen, die das Denken gerade zur Maxime erhebt - und kaum jemand hat das radikaler getan als Robert Musil. Während die Filmschriftstellerinnen erst "richtig" /er/leben müssen, um zu schreiben, glaubten er und einige seiner Zeitgenossen der Wiener Moderne (Hermann Broch, zum Beispiel), schreiben zu müssen, um richtig zu /er/leben: Das "wirkliche" Leben ihrer Zeit schien ihnen nicht primär durch abenteuerlichen Sinn geordnet, sondern durch sinnentleerte soziale Konvention.

Aus der Herrschaft dieses falschen, sich immer aufdrängenden Ganzen wollte Musil den anarchistischen Teil befreien. Er forderte eine utopische Ordnung, welche die Möglichkeiten schützt. Ein Schriftsteller, der darauf wartet, dass ihm eine "authentische" Wirklichkeit eine nette Handlung und schöne Gedanken souffliert, war für Musil entweder ein Dummkopf oder ein verkappter Reaktionär.

Wie lässt sich aber eine Erstarrung des "Seinesgleichen" durchbrechen, wenn das Schreiben durch das Material der Sprache und durch die Person des Autors vom Kreislauf der Konvention abhängt? Auf einem Nachlassblatt stellt Musil in einer gestrichenen Randbemerkung die Frage: "Der Mensch, der denkend mit sich in O.[rdnung] kommen will stellt sich außerhalb der O.[rdnung]?"

Das ist Problematik und Aufgabe des Schreibens für Musil, ausdrücklich als Frage nach dem richtigen Leben gestellt. In einem der letzten "abgeschlossenen" Kapitel des Mann ohne Eigenschaften legt Musil die Verzweiflung an dieser Frage seinem Helden Ulrich in den Mund: "Und als einer jener scheinbar abseitigen und abstrakten Gedanken, die in seinem Leben oft so unmittelbare Bedeutung gewannen, fiel ihm ein, daß das Gesetz dieses Lebens, nach dem man sich, überlastet und von Einfalt träumend, sehnt, kein anderes sei als das der erzählerischen Ordnung!"

Allein auf einer einzigen Druckfahne hatte Musil diesen Satz in folgenden Varianten erwogen: "Dagegen (Wohl aber?) fiel ihm mit einemmal (zum erstenmal?) auf, daß jenes (das?) seelische Gesetz (... des einfachen Lebens?), wonach man sich überlastet (in überlasteter Gegenwart ?) (... und? ...) von Einfalt träumend, sehnt, kein anderes sei (ist?) als das der erzählerischen Ordnung!"

Die Zweifel Musils kreisen weniger um das "Was" des Inhalts als um das "Wie", wenn es darum geht, einen endgültigen Textzusammenhang zu fixieren: Sie kreisen um die Frage der Integration der Teile des Satzes zu einem Ganzen. Gegen eine Erstarrung des Textes in allzu fester Form versuchte sich Musil bis in den Bleisatz hinein zu wehren.

In der Umkehr treibt das wohl auch den Mythos des glücklichen Schreibens der Filmschriftsteller an: Die Sehnsucht nach einer einfachen, erzählerischen Ordnung im Leben, die interessant genug ist, um sich lückenlos und schnell zum Drehbuch zu fügen. Nicht nur wegen ihrer Arbeit am Bildschirm produzieren diese Schriftsteller keinen Nachlass: Nichts, was ihnen zustößt, geht verloren, nichts passiert umsonst.

Musil dagegen hat allein zum Romanfragment Der Mann ohne Eigenschaften mehr als 6000 Manuskriptseiten hinterlassen. Die Herausforderung angesichts dieses Nachlasses besteht darin, gerade in den Einfügungen und Streichungen, in den Zeichen der Arbeit am Material die Analogie zum dann "Fertigen" zu sehen und nicht die Unform des Vorläufigen. Den Mann ohne Eigenschaften zu lesen bedeutet, alle paar Sekunden einen oder zwei Sätze zu lesen, an deren Perfektion ein verbissen arbeitender, kluger und auch naturwissenschaftlich umfassend gebildeter Schriftsteller Tage, vielleicht Wochen seines Lebens gefeilt hat.

Das Verhältnis des Zeitaufwands, den diese Genauigkeit benötigt, und jenes Zeitaufwands, den ein Leser im besten Falle treiben kann, ist ganz unproportional. Das äußert sich bei der Lektüre als Schwindelgefühl einer Überforderung, das sich immer wieder im Blick auf das Ganze zu beruhigen sucht und trotzdem bei der Neulektüre einzelner Teile landet. Musil war diese Wirkung recht, er sah darin nur eine weitere Analogie: die von Leben und Lesen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2004)