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10 von 22

... so lautete die Vorgabe für das erstmals in der Geschichte des Song Contests abgehaltene "Semifinale". Nach Fix-Platzierung der zehn Vorjahres-Besten und der vier privilegierten Hauptbeitragszahlländer der European Broadcasting Union mussten die überzähligen 22 auftrittswilligen Staaten auf zehn eingedampft werden - sonst würde der Song Contest endgültig aus allen Nähten platzen. Und falls vorher irgend jemand Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer gedoppelten Veranstaltung hegte: alleine schon der Umstand, dass die Schweiz aus dem Bewerb fiel, rechtfertigte die Abhaltung des Semifinales. Hier nun der Rückblick auf die am Mittwoch abgehaltene Qualifikationsrunde und die Auflistung, wer ins Finale rein gekommen ist und wer raus fiel:

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Smile like the Gingerbread Man

Die Last des Anfangs trug Finnlands Jari Sillanpää mit einem Stück Disco-Tango. Wie so oft sind die FrühstarterInnen bei der Wertung bereits dem Vergessen anheim gefallen (im Semifinale flogen gleich die ersten sieben TeilnehmerInnen raus). Das schlechteste der 22 Lieder war es nicht, das er darbot - wenn auch zugegebenermaßen eher jenseitig für den außerfinnischen Geschmack. Da half es nicht einmal, dass Jari mit der Skispringer-Haltung, die er im Verlauf von "Takes 2 to Tango" mehrfach einnahm, andere Erfolgsstorys seiner Heimat herauf beschwor.

Raus

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Den Versuch war's wert

Nicht wie eingangs vermutet im Mittelalter-Look spielte sich der Auftritt des Song Contest-Debütanten Weißrussland ab - dabei hätte das durchaus zum folkloristisch angehauchten Titel "My Galileo" von Alexandra & Konstantin gepasst. Statt dessen erschienen maßgebliche Teile der Band in Ausreibfetzen, und der Background-Chor sah aus, als würde jedes Mitglied zu einer anderen Party gehen. Und Alexandra, nicht unsympathisch aber eine Spur hysterisch wirkend, sang wieder mit so heftigem Quetsch-Akzent, dass man sich ein wenig an Rednexx' "Cotton Eyed Joe" erinnert fühlte.

Raus

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Börxxx

Mit "Celebrate!" ließ die Schweiz eines der doofsten Lieder der Song Contest- wie auch der Weltgeschichte auf die Menschheit los, geeignet höchstens als Warm-up-Nummer für DJ Ötzis "Burger Dance": Clap Your Hands, Oh Clap Your Hands / Everybody Just Clap Your Hands / Clap Your Hands Oh Clap Your Hands / Have A Wonderful Time / Celebrate Oh Celebrate / Everybody Let’s Celebrate / Celebrate Oh Celebrate / Cause The World Is A Beautiful Place ... Passend zu einem Text auf Plankton-Niveau hampelten die fünf Casting-Show-Kasper von Piero & The MusicStars über die Bühne - alles in allem ein Abgrund der Geistlosigkeit.

Raus

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Aus Erfahrung nicht besser geworden

Ist die einstige Song Contest-Euphorie in Lettland schon abgeflaut? Dass man sich auch bei "nanana" versingen kann, demonstrierten ausgerechnet die beiden ältest (soll heißen: seit der Sowjet-Zeit) gedienten Teilnehmer des Semifinales. Zugleich ein böses Omen für Österreich, denn mit Fomins & Kleins hatte bei der lettischen Vorausscheidung wie bei uns das einzige in Landessprache gesungene Lied gewonnen, "Dziesma par laimi" hieß es. Der Gitarrist machte noch das Beste aus dem Auftritt und hüpfte im Hintergrund wie ein Ping Pong-Ball auf und ab: "Mama, ich bin im Fernsehen!!!" Daheim werden die Videorecorder geglüht haben.

Raus

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20 Jahre nach Klaus Nomi

... betritt Israels David D'Or mit seiner selbstgeschriebenen Arie "To believe" die Bretter, die das vorzeitige Aus bedeuten. Der klassisch ausgebildete Sänger stieg erbarmungslos in Countertenor-Höhen empor und wieder herab ... seit Dana International scheint man in Israel ein gewisses Faible für Transgender-Performances zu hegen. Hinter dem baumlangen Stimmschalter wurde synchron gebetet, ein Harfinist kraulte die Saiten, und die Cellistin rockte auch mit. Das Televoting-Publikum zeigte sich von den Farinelli-Tönen aber nur mäßig begeistert.

Raus

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Eine von 80.000

"Sex and the City" wird offenbar auch im Zwergstaat Andorra geguckt - Marta Roure erschien jedenfalls à la Carrie Bradshaw am Morgen danach zur Festivität. Der Mut, ihr 70er-Jahre-Happysound-Lied "Jugarem a estimar-nos" auf Katalan zu singen, wurde allerdings nicht belohnt. Andorra, heuer erstmals beim Song Contest vertreten, fiel

Raus

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Beginn eines Mode-Mysteriums

Portugals Sofia Victória war vor dem Auftritt das Kleid in den Reißwolf gerutscht und konnte nur noch zur Hälfte gerettet werden; der Rest baumelte wie Faschingsbehang an ihr herab. Als Studentin der Kommunikationswissenschaften hatte sie beschlossen, ihr Lied "Foi Magia", dessen Text ihr wichtig schien, doch wieder nur auf Portugiesisch zu singen. Das kontinentale Publikum erkannte die im Dancefloor-Stück angeblich verborgene Poesie nicht und ließ Sofia aus dem Bewerb fallen.
P.S.: Und noch mal Achtung auf das Kleid: Teile davon werden uns im Verlauf des Semifinales immer wieder begegnen.

Raus

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"Hahahahaha" (...)

Nach Israel noch einmal die unselige Verbindung von Klassik und Pop - und Maltas spezielle Ausformung schaffte sogar den Einzug ins Finale (Warum nur, warum? Haben die Leute den Song Contest mit Big Brother verwechselt und wollten "On again ... off again" aus der Halle wählen?) Julie reichte das Tenor-Geschmetter ihres Kompagnons Ludwig und die ihr in der Bridge gewährte Chance zum Königin-der-Nacht-Gegirre offenbar nicht aus, nein, sie musste als Intro und Extro auch noch zwei zusätzliche obergekünstelte Lacher einbauen. Menno, und das alles von Ralph Siegel tanzbar produziert ... eine Prüfung.

Rein

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Aufgestiegen aus den Wellen

Überraschungsmoment zu Beginn: Ein Christbaum wandelt auf die abgedunkelte Bühne - das war Monacos Maryon, eingehüllt in ein verkabeltes Cape, von dem glitzernde Sterne funkelten wie auf dem nächtlichen Meer. Nachdem sie darunter hervorgeholt worden war, ließ sie eines von vielen mäßig mitreißenden Dancefloor-Stücken vernehmen, dazu wurde in Wellenbewegungen gewachelt: Zumindest steckte also ein konzeptueller Gedanke hinter der Choreographie von "Notre Planète", einem Lied zum Schutz des Mittelmeers. Reichte aber nicht.

Raus

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Muckis statt Mucke

Irgendwie war es schon vorher klar, dass Sakis Rouvas nicht am Einzug ins Finale zu hindern sein würde: Der in seiner Heimat Griechenland populäre ehemalige Stabhochspringer übte sich zu seinem Ricky-Martinesken Stück "Shake it" in allerlei Leibesübungen inklusive abschließendem Kopfüberschlag nach hinten. Zwischendurch riss er seinen flankierenden Hupfdohlen die Sakkos von den behaarten Brüsten, was sie ihm anschließend mit gleicher Münze heimzahlten. Alles - letzten Endes erfolgreiche - Ablenkungsmanöver: auf den Stimmbändern hat der einstige Synchronsprecher des Glöckners von Notre Dame nämlich wenig Power. Und dennoch:

Rein

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Xena und das Barbaren-Ballett

Jetzt aber! Mit Urgewalt stampfte Ruslana aus der Ukraine mit ihrer Horde los ... bei einer Probe hatten sie gleich mal den Glasboden der Bühne eingetreten. Kein Wunder: Zum Sound von Shakira bei Attilas Siegesfeier wurden osteuropäische Klänge mit bumperndem Dancefloor gemischt, übermannslange Hörner getutet, Peitschen geschwungen und vor allem synchron gestampft. Halbherzigkeit kann man der Ukraine heuer nicht vorwerfen ... und darum war der Einzug ins Finale auch überaus berechtigt.

Rein

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Ein schlechter Tag fürs Baltikum

Da ist der portugiesische Fummel wieder: Wie Gekröse gammelten einige erbeutete Streifen auf Litauens Simona, die sich ihren Linas als persönlichen Kabinensteward mitgebracht hatte (der unter seiner Uniform immerhin ein Lifeball-taugliches Herztextil hervorholte). Die beiden brachten sich durch drei Minuten eher langweiligen Latin-Pops, während im Hintergrund drei Pantomimen heftigst gestikulierten. Möglicherweise war es die Inhaltsangabe von "What's happened to your love?" in Gebärdensprache, so genau ließ sich das aufgrund ihrer schlechten Positionierung nicht ausmachen.

Raus

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Fest gemauert in der Erden

Albaniens Anjeza Shahini stand und stand und stand - bemerkenswert, denn immerhin handelt es sich bei "The Image of you" um ein Uptempo-Stück. Speziell als ein Gitarren-Solo aus dem Off erschallte, hingen Anjeza und ihre Hintergründigen Och-warten-wir-den-Teil-mal-ab-mäßig herum ... da wären noch Verbesserungen möglich. In Albanien hat man den Song Contest seit vielen Jahren mitverfolgt (die Eurovision als Feindsender?) - und mit dem Debüt fügte man sich alles in allem ganz gut ein.

Rein

Foto: Eurovision

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"Mama can you hear me?"

Das Outfit, die Frisur, dazu ein Torch Song wie aus den 70ern ... wenn das nicht Barbras vergessene Tochter ist. Zyperns Lisa Andreas hatte für ihre Ballade "Stronger every minute" den Mut zur Stille. Sie brauchte weder Alibi-Bühnenbegleitung noch durchgängige Orchestrierung, zog das Publikum alleine kraft ihrer Stimme in den Bann. Die war live sogar noch stärker als auf Konserve, und das von einer 16-Jährigen ... Respekt.

Rein

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Schwelgen im Schmerz

Der Mann, der immerhin fünfmal die Stadthalle von Skopje ausverkauft hatte, vertrat die Interessen Mazedoniens ... gewandet wie Kaiser Ming aus "Flash Gordon", bloß mit Haaren obendrauf. Tose Proeskis "Life" erinnerte mit seinen orientalistischen Anflügen ein wenig an Sertabs Siegerlied aus dem Vorjahr (die Instrumentalversion würde allerdings fetziger klingen). Unergründlich blieb, warum ihm seitlich aus seinem Kaminkleid zwei rote Stoffbahnen gezogen wurden. Sollte das ebenfalls an Sertab erinnern (die sich gewandlich allerdings stärker transformierte, als man ihren Schleppen-Kokon entrollte) ... oder gar an Mel Gibsons "Passion" und stand für Blut? Wir rätseln noch.

Rein

Foto: Eurovision

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Schlicht und ergreifend langweilig

Stopp doch mal endlich jemand den Reißwolf hinter der Bühne! Auch Sloweniens Diana - zusammen mit ihrem Lebenspartner Simon das Duo Platin bildend - konnte der Amok laufenden Maschine nur noch Fetzen entreißen. Das Lied "Stay forever" war aber wie gemacht dafür, Menschen in den besten Jahren in den Schlaf zu schunkeln, da wird sie sich bald beruhigt haben. Und mal ganz im Ernst: die Frau sollte mehr essen.

Raus

Foto: Reuters/Saribas

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Exoten-Malus

Oooch, wie schade: Estlands Neiokõsõ belegten mit "Tii", einem Stück, das tradtitionellen finno-ugrischen Mehrstimmengesang mit Bass und Percussion aufgroovte, den undankbaren elften (bzw. nach Neuauswertung den zwölften) Platz und verpassten damit knapp den Einzug ins Finale (danke, Malta!!). Kleine Verbesserungen hätten also schon ausreichen können - zum Beispiel eine durchdachtere Choreographie als Ringelreihen tanzen. Da half es auch nichts, dass sich zum Schlussakkord der vierschrötige Drummer mit der Teufelshörner-Frisur fotogen vor der Gruppe zu Boden schmiss.

Raus

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Hier ist ein Mensch

Da fragt man sich immer: "Welchen Knopf soll man am Sakko jetzt offen lassen, den oberen oder den unteren?" - Und dann sieht man jemanden wie Kroatiens Ivan Mikulic und weiß plötzlich: "Den anderen!" Ein wenig sah Ivan aus, als würde er gerade zum Vorstellungsgespräch am Arbeitsamt gehen, und seine Ballade "You are the only one", für die sich Latino-Sounds Walt Disney-gefällig dahinschmusten, riss einen auch nicht gerade vom Stuhl. Dennoch:

Rein

Foto: Eurovision

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Ablenkungsmanöver

... sonder Zahl bot Dänemarks Tomas Thordarson auf - vom Ton-in-Ton-Auftritt (also ein Ton halt: Rot) bis zu den in die Hacken montierten Rädern, auf denen er mal eben über die Bühne schipperte. Das internationale Publikum ließ sich dennoch nicht foppen und erkannte sein Lied "Shame on you" als das, was es war: ein eher lauer Aufguss von Ricky Martin. Warum das in dem Fall nicht reichte, beim weitgehend stimmlosen Griechen aber doch? Tja, da war der Mann mit der Cheese Doodles-Frisur wohl einfach eine zu herbe Schönheit.

Raus

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Vorteil durch Folklore

Die letzte serbische Song Contest-Teilnahme liegt lange zurück, und anders als Monaco konnte die aktuelle Formation als Serbien & Montenegro die Pause nutzen, um mit "Lane Moje" einen Beitrag auf die Beine zu stellen, der den Aufstieg ins Finale schaffte. Nachdem in Gestalt des Flötisten schon wieder ein Mann im Kleid die Bühne betreten hatte (der neuste Trend), gab der schick gegürtete Zeljko Joksimovic eine Ethno-Melange zum Besten, die auf die eher durchschnittlichen Gesangsparts zwar verzichten hätte können, aber alles in allem zu den besseren Darbietungen gehörte. Dazu reichte es heuer eigentlich schon aus, irgend etwas anderes als Einheits-Dancebeats zu bringen.

Rein

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Don't stop movin' to the S Club beat

"In the Disco", da scheint in Bosnien-Herzegowina Ringelpiez mit Anfassen angesagt zu sein. Als wildes szenisches Gerammel gestaltete sich der Auftritt Deens und seiner Begleiterinnen. Live verlor das Tanz-Stück vor allem durch Deens gesangliche Schwächen, aber die Kompensation von wenig Stimme durch viel Haut, in beiden Ausformungen noch deutlicher als bei Griechenland, funktionierte auch hier.

Rein

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Reduktion reicht

In jedem Sinne andersrum dann der abschließende Auftritt von Re-Union aus den Niederlanden: Zwei Jeans, zwei Hemden, zwei Fußballfrisuren und vor allem zwei Stimmen - das reichte völlig aus. "Without youuuuuuu", eine altmodisch gecroonte Ballade, die sich ganz auf die gesangliche Harmonie von Fabrizio Pennisi und Paul de Corte verließ, setzte zwar nicht gerade neue musikalische Trends, bildete aber eine wohltuende Abwechslung zu vielem Vorangegangenem. Schlicht und angenehm.

Rein

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Bilanz

Alles in allem wurde an diesem Mittwochabend doch einiges ausgesiebt, was man kein zweites Mal sehen muss (die Schweizer wurden übrigens verdiente Letzte). Insofern hat sich das Semifinale bewährt - nicht zuletzt mit dem Gedanken daran, dass sich das Sendegebiet der Eurovision bis nach Georgien und Syrien erstreckt und auch ganz Nordafrika umfasst. Wer weiß, wie viele Staaten im nächsten Jahr dabei sein wollen ...
(Josefson)

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