Berlin/Brüssel - Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder und Frankreichs Präsident Jacques Chirac wollen sich gegenseitig im Vorhaben unterstützen, zwei Schlüsselpositionen in der EU mit Landsleuten zu besetzen. Dies verlautete aus Berliner Regierungskreisen nach einer gemeinsamen Sitzung der beiden Bundesregierungen Donnerstag in Paris.

Chirac sicherte Schröder zu, dass ein Deutscher Vizepräsident der Kommission und eine Art Superkommissar wird. Im Gegenzug unterstützt Berlin den Pariser Wunsch, die Amtszeit des Franzosen Pierre de Boissieu als stellvertretenden Generalsekretär des EU-Rates zu verlängern. Er bliebe damit der mächtigste EU-Beamte in Brüssel.

Verheugen und Clement als Kandidaten

Für den Posten des Vizepräsidenten, der sich vorrangig um Industrie-, Wirtschafts-und Finanzpolitik kümmern soll, ist EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen im Gespräch. Allerdings hat der SPD-Politiker keine Erfahrung auf diesem Gebiet. Deshalb ist eine Überlegung auch, ihn als Verteidigungsminister ins Berliner Kabinett zu holen. Amtsinhaber Peter Struck, der eigentlich Finanzfachmann ist, könnte dann Finanzminister Hans Eichel beerben oder Wirtschaftsminister Wolfgang Clement nachfolgen, falls dieser nach Brüssel wechselt.

Treffen mit Blair

Allerdings ist der Zuschnitt der Ressorts Sache des EU-Kommissionspräsidenten. Im deutschen Kanzleramt heißt es dazu, dass man bei den Kandidaten, die für den Chefposten genannt werden, diesen "Wunsch" deponiere und auch die Unterstützung dann davon abhängig mache. Am Mittwoch trifft Schröder in London Premier Tony Blair. Dabei dürfte es um die zwischen Paris und Berlin abgesprochene Personalie und den Kandidaten für das Amt des Kommissionschefs gehen.

Wenn ein Deutscher Vizepräsident der Kommission wird, dann dürfte dies die Chancen von Wolfgang Schüssel schmälern, doch noch Kommissionschef zu werden. Zwei Deutschsprachige an der Spitze der Kommission, wenn auch aus unterschiedlicher Partei, würde bei den anderen Ländern auf Ablehnung stoßen, hieß es in Berlin.

Kommissionspräsident

Als Kandidaten immer wieder genannt werden Außenkommissar Chris Patten, Innenkommissar Antonio Vitorino, die Premiers Jean-Claude Juncker, Bertie Ahern, Anders Fogh Rassmussen und Guy Verhofstadt, die Exregierungschefs Paavo Lipponen und Jean-Luc Dehaene sowie Europaparlamentspräsident Pat Cox. (afs, pra, DER STANDARD, Printausgabe 15./16.5.2004)