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Eine allergische Reizbarkeit gegen Phrasen und Propaganda: Michael Guttenbrunner

Foto: APA/robert-Musil-Institut
Vorgestern starb Michael Guttenbrunner 84-jährig in Wien. Am 16. Mai hätte er den Lyrikpreis des Liechtensteiner PEN-Clubs erhalten. Karl Markus Gauß' Text, als Laudatio gedacht, wird zu einer Würdigung post mortem

Eines der großen Werke der österreichischen Literatur erscheint seit zehn Jahren in einem deutschen Kleinverlag. Acht schmale Bände dieser Prosa hat der Rimbaud-Verlag in Aachen bisher herausgebracht, was die konzentrierteste Form einer Autobiografie ergibt, die man sich nur denken kann. Der Titel selbst ist schon ein solches Konzentrat, denn Im Machtgehege heißen alle Lieferungen unverändert, die nur stets eine neue Bandzählung erhalten. "Macht" ist in der Sprache Michael Guttenbrunners immer negativ bestimmt, das Wort bezeichnet eine Nähe zu Gewalt, Unterdrückung, Herrschaft. Zwischen einer guten und einer schlechten Macht hat er, der die Dinge schmerzend scharf zu unterscheiden weiß, nie unterschieden. Die gute Macht gibt es nicht, denn wäre sie gut, würde sie keine Macht sein. "Gehege" wiederum meint ein umzäuntes Gebiet, ein Revier, in das der Zutritt verboten ist und dessen Grenzen durch einen Zaun angedeutet werden, einen Verhau, der der Sicherung vor Angriff dient, was noch in der Redensart fortklingt: jemandem ins Gehege kommen. Dass sich die Macht mit Schranke, Zaun und Wall umgibt, damit ihr keiner ins Gehege komme, dies ist die Assoziation, die der Titel nahe legt.

Gerade das aber tut Michael Guttenbrunner (Jahrgang 1919), seitdem er, durch die Erfahrung des Unrechts, aber auch durch die Ermutigung der Literatur, in seiner Jugend rebellisch geworden ist: der Macht ins Gehege kommen und die Mächtigen, die sich geschützt wähnen, attackieren; ihre angemaßte Herrschaft ist auch damit abgesichert, dass sie sich das Recht nehmen zu bestimmen, was in ihrem Machtbereich für rechtens gilt. Das Unrecht, das über Menschen verhängt ist, reicht nie aus, dass sie sich gegen die Macht erheben; sie brauchen auch einen Traum oder Glauben, eine Idee oder Erfahrung, welche sie erkennen lässt, dass das Unrecht nicht naturgegeben ist, sondern von Menschen verübt wird und als die herrschende Macht über sie gesetzt wurde. Was sein eigenes Leben betrifft, so gehören Rebellion und Dichtung bei Guttenbrunner zusammen. In der fünften Folge von Im Machtgehege schreibt er: "Seit 1934 und mehr noch seit 1938 rebellisch, aber nicht allein durch das, was geschah, sondern noch mehr vom Hammer des Gewissens, der in Gedichten schlägt, getroffen, begann ich selbst Gedichte zu schreiben."

Er schreibt, weil er rebellisch ist, und er ist rebellisch, weil er das Unrecht sieht, das zu sehen und zu erkennen ihn gerade auch die Literatur lehrte. Dass in Gedichten ein Hammer des Gewissens schlägt, mehr noch, dass dieser den Lesenden zur Revolte wie zur Dichtung erwecken könne, dieses Bild mutet herrlich unzeitgemäß an: Wird uns doch seit längerem gelehrt, dass die Literatur nur etwas tauge, wenn sie ein Spiel sei, mit nichts als sich selbst beschäftigt. Dagegen Guttenbrunner! Der Hammer des Gewissens, den er in Gedichten vernahm, hat ihn ins Gefängnis des christlichen Ständestaates und später vor das Militärgericht der Nationalsozialisten gebracht, und er schlägt seit seinem ersten Gedichtband, Schwarze Ruten, auch in seinem eigenen dichterischen Werk. Jedes einzelne seiner Gedichte ist geschrieben, um "das wild Erlebte, kraß Empfundene, Schmerz und Empörung unmittelbar auszudrücken". In der Prosa sind zwar alle Themen des Lyrikers da, und auch "Affekt und Attacke", die er als Wesen seiner Dichtung erkannte, fehlen keineswegs, aber in der Prosa schlägt der Hammer des Gewissens anders, und weil Guttenbrunner das weiß und auch weiß, wie er schlägt, ist Im Machtgehege zu einem Prosawerk gewachsen, für das es in unserer Literatur kaum einen Vergleich gibt: weder von der Art, wie es angelegt ist, noch von der Bedeutung, die ihm zukommt.

Womit könnte man diese autobiografische Prosa, die aus kleinen Medaillons gefertigt ist, aus Splittern von Erinnerungen, traumscharf gesehenen Bildern der Vergangenheit, aus wütender Absage an die gängige Ware von Kunst und Politik vergleichen? Am ehesten vielleicht mit den autobiografischen Schriften und den Aufzeichnungen von Elias Canetti. Eine ins Detail gehende Untersuchung würde jedoch vor allem die grundsätzlichen Unterschiede erweisen, also zeigen, dass die zwei Autoren, deren beider Lehrmeister Karl Kraus war, ganz verschiedene Wege eingeschlagen haben. Ich ziehe die aufs äußerste verknappte und doch durch ihre stilistische wie thematische Vielfalt ausgezeichnete Prosa Guttenbrunners jener des Nobelpreisträgers vor, zu dessen Verächtern ich keineswegs gehöre. Was die Genauigkeit betrifft, mit der Guttenbrunner die Welt der Kindheit und Jugend beschreibt, scheint er mir darin Canetti überlegen: in der sinnlichen Prägnanz, mit der erauf drei Seiten von den Geräuschen berichtet, die er in seiner Jugend auf dem Krappfeld bei Klagenfurt vernommen hatte. Es ist wie ein Hymnus an eine untergegangene Welt des Handwerks, in der es noch "keinen von Herz und Lunge und Muskeln unabhängigen Dauerlärm" gab, den Guttenbrunner da anstimmt. Das "Reich der Töne" wird aus der Erinnerung noch einmal errichtet in der Sprache, und es ist zwar Wehmut, doch keine Nostalgie darin: Jene Welt, die Guttenbrunner beschwört, war hart genug und taugte zur Idylle nicht.

Häufiger als bei Canetti sind es bei Guttenbrunner nicht die Großen, Bedeutenden der Weltgeschichte und Weltliteratur, die er in Porträts fasst, die wie gemeißelt anmuten, sondern die kleinen Leute: ein Mithäftling, ein Kriegsversehrter, ein Holzfäller bei der Arbeit . . . Genauso stark ausgeprägt wie bei Canetti ist bei Guttenbrunner wiederum das Interesse für Tiere, ja die mitfühlende Sympathie mit der Kreatur. Diese vorläufigen Hinweise haben nicht zum Zweck, Canetti abzuwerten, sondern das Maß anzuzeigen, an dem Guttenbrunner zu messen ist. Worüber schreibt er in den verschiedenen Folgen von Im Machtgehege?

Recht besehen über alles, denn er ist in der Lage, alle möglichen, scheinbar weit auseinander liegenden Dinge in die strenge Komposition dieser Bände zu integrieren. Aber vorzugsweise sind es diese Themen: Kindheit und Jugend in Kärnten; das Leben und Sterben der Eltern, namentlich des Vaters, eines tödlich verunglückten Rossknechts; die Gegend zwischen dem Krappfeld, Ebenthal und Weizenegg; den Einbruch des Politischen in die Welt des Jugendlichen, der 1934 und, dramatischer, während des Zweiten Weltkriegs in Konflikt mit der Staatsgewalt kommt; der Krieg auf dem Balkan, insbesondere in Griechenland; überhaupt Griechenland - als Erlebnis von Landschaft und rebellischem Volk; Karl Kraus, von dem er die allergische Reizbarkeit gegen Phrase und Propaganda erbte; daher die Presse und ihre Sprache, die Werbung und wie sie das Reich der Kultur durchdrungen hat; die Sprache und ihre Schändung . . .

In solchen Rahmen passt viel und vielerlei hinein, aber interessanter ist, dass Guttenbrunner zu bestimmten Fragen, Bildern, Erinnerungen, Gestalten immer wieder zurückkehrt. Immer wieder hat er den Ort seiner provinziellen Herkunft literarisch mit geschärften Sinnen ausgeschritten. Die Klagenfurter Ebene "ist reich an Spuren und Überbleibseln, Gräbern und Denkmälern, die zu mir sprechen", steht es am Beginn des zweiten Bandes. Die Landschaft ist für Guttenbrunner immer ein doppeltes Erlebnis: als Natur, in der der Mensch sich einzurichten suchte, und als historischer Raum. Beides weiß er auseinander zu halten und doch wieder zusammen zu sehen. So erinnert er sich etwa des Ebenthaler Schlossparks und des Grafen Zeno Goëss, der an diesem Park wie an einem künstlerischen Zeugnis seiner selbst gearbeitet hat. Und der eines Tages seinen liebsten Baum fällte, dass auf ewig an seiner Stelle ein leerer Platz bleibe: "Die Geheime Staatspolizei hatte einen seiner Äste zur Hinrichtung eines polnischen Zwangsarbeiters benützt; worauf Goëss den also zum Galgen verdingten und geschändeten Baum umhauen ließ." Über seinen Geburtsort Treibach-Althofen hat Guttenbrunner über zwanzig Seiten am Beginn von Im Machtgehege V geschrieben, eine genaue Ortsvermessung, liebevoll wie unerbittlich. Die Architektur des Marktplatzes, der Verlauf der Bäche, die Lage von Friedhof und Armenhaus, die kleine Geografie dieser Welt am Rande wird so detailliert erfasst wie nur möglich. Zur literarischen Landvermessung gehören die historischen Ereignisse und die Erinnerungen des Autors. Am 1. Mai marschierten zwei Blaskapellen auf, die Sonnberger Bergknappen und die Arbeiter der Treibacher Chemischen Werke. Der Vater gebot Stille, wenn die Sonnberger an der Reihe waren, und klärte die Kinder über ein düsteres, soziales Geheimnis der Schönheit auf: "Die Knappen spielen viel schöner, weil sie schwach auf der Brust sind und Staub in der Lunge haben."

Der Graf Goëss hatte seinen Lieblingsbaum gefällt, weil dieser für eine Hinrichtung missbraucht worden war. Von einer Hinrichtung, deren Zeuge er selber am Balkan war, berichtet Guttenbrunner im vierten Band seines autobiografischen Werks. Es sind nicht mehr als zwei Seiten, auf denen diese militärgerichtlich verfügte Mordtat exakt beschrieben wird, doch wer sie gelesen hat, wird sie nie wieder vergessen. Guttenbrunner selbst wollte, durfte jenes Ereignis nicht vergessen; darüber nach über fünfzig Jahren zu schreiben muss den Zeugen aufs Neue und wiederum so erschüttert haben, dass er es zu schreiben fast nicht vermochte.

An anderer Stelle ist es dieser Zeuge, der fassungslos liest, wie heute über die Zeit jener Verbrechen geschrieben wird. Er entdeckt einen Katalog, in dem Mauthausen als fotoästhetische Frage firmiert und gefragt wird: "Wie kann man mit diesen Orten umgehen?" An die Unschuld, mit der da gefragt wird, kann Guttenbrunner nicht glauben, aus der Frage selbst spricht ihm jene Barbarei, gegen die sie sich zu wenden wähnt: "Umgehen ist hier das ganz falsche Wort. Es verdankt sich der Gefühllosigkeit für Mensch und Sprache."

Umgekehrt war das Gefühl für die Sprache von seinen expressiven lyrischen Anfängen bis zu dem keineswegs abgeklärten Spätwerk bei Guttenbrunner immer eins mit der Verantwortung für das geschriebene Wort. Und das Gefühl für den Menschen, ja das Mitgefühl für alle Kreatur, ist in jedem Gedicht, in jedem Prosastück, das er verfasste, unüberhörbar. Michael Guttenbrunner auszuzeichnen heißt also nicht nur einem einzigartigen Dichter und Prosaisten die Reverenz zu erweisen, sondern auch einem Charakter, den weder Anerkennung noch Missachtung, weder Lob noch Häme davon abbringen konnten, seinen Weg und auf diesem immer wieder aufs Ganze zu gehen. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.5.2004)


Allerhöchste Prostitution
Ein Einwurf
- Von Michael Guttenbrunner

Der Erzbischof von Wien hat den Stephansdom verkauft. Der Turm ist jetzt Werbeträger und trägt aus prophylaktischer Finesse auch die Aufschrift: "Kein Haus wird für die Ewigkeit gebaut." Und der Erzbischof lässt sagen, der Turm sei "letztlich" nur ein "äußeres Zeichen, eine Äußerlichkeit". Im Psalm Davids Nr. 126 heißt es dagegen: "Dieses Haus hat der HERR gebaut. Wenn er es aber nicht gebaut hat, dann haben die Bauleute vergeblich gearbeitet und ihren Lohn verloren." Die Preisgabe des Turms ist eine Ruchlosigkeit und eine Missetat und ein Zeichen dafür, dass letzte Barrieren durchbrochen sind. Das muss bemäntelt werden. Aber was fällt dem Oberpriester dazu ein und wohin flüchtet er zu seinem Schutz? In die Damenunterwäsche. Er rechtfertigt sich damit, dass auf dem Stephansturm keine Reklame für Damenunterwäsche gemacht wird! Es ist nicht zu glauben! Tiefer kann er nicht mehr sinken und das Untere für schlechter halten als das Obere: seinen werbeträchtigen Ornat und die Kommerzreklame. Was für eine Handlung! Die gesalbten Hände an einer Unterwäsche abwischen, die man zum guten Zweck nicht berührt!