Das generalüberholte Hilton am Wiener Stadtpark scheidet die Geister. Die Struktur der Bettenburg wurde kaum angetastet und manches erweckt den Eindruck, dass die Siebzigerjahre noch nicht vorbei sind.

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Als das Hilton im Jahr 1975 eröffnet wurde, kehrte der Jugendstil nach Wien zurück. Oder jedenfalls das, was amerikanische Hotelmanager sich darunter vorstellten. Die Lobby war eine holzvertäfelte Höhle, von einer Tiffanyglasdecke in schummriges Licht getaucht, es gab einen Ballsaal mit Ornamenten frei nach Gustav Klimt und an der Fassade rankten sich Balkongitter, die eher nach Paris als an einen groben Betonklotz gepasst hätten.

Mit diesen trüben Erinnerungen im Kopf wird man erst einmal aufatmen, wenn das Hilton am Montag nach 18-monatiger Bauzeit wieder in Betrieb genommen wird. Ein Eigentümerwechsel, von der Immobilientochter der Swissair zu den Familien Dichand und Soravia, brachte frisches Geld, der Umbau hat 61 Mio. Euro gekostet.

Hilton ist weiterhin nur Mieter, konnte für die Innenausstattung aber das Architekturbüro Robinson Conn aus London nominieren, das bereits bei anderen Hilton-Hotels tätig war.

Mit der Bereinigung der Fassade und dem Einbau eines Konferenzzentrums wurde Hans Hollein beauftragt. Dessen ursprüngliche Pläne sahen die Aufstockung des Hotel mit einer "Wolke" aus gläsernen Kästen vor, in denen Luxusappartements und weitere Suiten untergebracht werden sollten.

Es stand zu befürchten, dass Hollein nach dem umstrittenen "Soravia-Wing" vor der Albertina der Stadt nun ein weiteres Zeichen aus seiner privaten Bauformschatulle aufprägen werde.

Aber das Hilton geriet in den Strudel der Hochhausdebatte am gegenüberliegenden Bahnhof Wien-Mitte und man ließ die Pläne fallen, um nicht in heikle Weltkulturerbe-Gefechte verwickelt zu werden. Nun erinnert nur noch ein vereinsamter Leuchtkasten auf dem Dach an die ehrgeizigen Pläne.

Die Struktur der Bettenburg mit ihren vormals 600 Zimmern (nun 579) wurde kaum angetastet. Im Wettbewerb mit anderen erstklassigen Businesshotels zählen die bescheidenen Zimmergrößen anscheinend weniger als die Zahl der Konferenzräume, die auf zwölf erhöht wurde.

Keine Sterne

Doch so bleibt es bei der kuriosen Situation, dass Wiens Hilton das Einzige ist, bei dem auf eine Kategorisierung nach Sternen verzichtet wurde. Für den Fünfsternestandard sind die Bäder zu klein.

Den Gast erwartet auf den Zimmern die neueste Kommunikationselektronik, bis hin zur "denkenden" Minibar, die jede Flaschenentnahme elektronisch auf die Abrechnung setzt.

Bei den Möbeln hält sich die Modernität in Grenzen. Helles Holz, beige Vorhänge und Raufasertapeten entsprechen dem Allerweltsgeschmack von circa 1995. Aber es gibt ja noch die fantastischen Ausblicke und, als besonderen Hinweis, in welcher Stadt man sich gerade befindet, die eigens angefertigte Hotelkunst mit verwaschenen Wien-Motiven.

Der Konferenzsaal, mit einem Fassungsvermögen von 870 Personen der größte in einem österreichischen Hotel, würde auch als Kulisse für eine Spielhalle in Las Vegas durchgehen. Es ist paradox: Was an räumlicher Großzügigkeit durch den Umbau dazugewonnen wurde, wird mit aufdringlich gemusterten Teppichen und einer nach wie vor in Designerschnörkel verliebten Innenarchitektur wieder voll gestopft.

Dasselbe gilt für die Eingangsseite an der Landstraßer Hauptstraße. Als wären die Siebzigerjahre doch noch nicht vorbei, wurde der Sockel mit dunklem Spiegelglas eingepackt. Die davor gesetzten wellenförmigen Stahllamellen sind wohl die Rache dafür, dass die Glaswolke fallen musste: Ganz ohne Duftmarke ist ein Hollein nicht zu haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.5.2004)