Wie man schon jetzt - statt beruhigt auf die von Wiens Bürgermeister Michael Häupl in Aussicht gestellten "Pflegemilliarden" zu warten - die Situation der Alten in den Pflegeheimen verbessern könnte: ohne Geld, aber mit Herz und Hirn. Zwischenbilanz einer Recherche.

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Probleme in der Altenpflege gibt es in allen neun Bundesländern. Wien hat einen Skandal hinter sich gebracht. Mehrfach wurden Geständnisse abgelegt, und der Wiener Bürgermeister hat politische Verantwortung übernommen, hat Pflegemilliarden und Reformen versprochen.

Es herrscht in der ungeliebten Langzeitpflege, die eine Endzeitpflege ist, Pflegenotstand. Wien wollte von 2001 bis 2005 exakt 2417 diplomierte Pflegekräfte, 727 Pflegehelfer und 688 Therapeuten (Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logotherapeuten, Musiktherapeuten) neu hinzugewinnen. Das sieht der gültige Wiener Pflegeheimplan vor. Wir schreiben das Jahr 2004 und sind meilenweit vom Planziel entfernt. Der Pflegenotstand in der Geriatrie wurde nicht beseitigt, er ist gewachsen und muss von Gepflegten und Pflegerinnen ertragen werden. Beide leiden.

Wer ist verantwortlich? Drei Kommissionen sind auf der Suche nach Schuldigen. Die Opfer, namenlos und stumm, sind amtsbekannt.

Lainz wurde nach jedem Skandal umgetauft. Derzeit nennt es sich "Geriatriezentrum am Wienerwald", aber der Besucher fährt noch immer nach Lainz. Im Wienerwald werden zurzeit 2192 alte Menschen gepflegt. Jeder zweite Wiener, der allein und pflegebedürftig, dazu noch meist wehr- und willenlos ist, landet in der Endstation Lainz. Wenig Personal und viel Arbeit, viel Einsamkeit und wenig Besuch. Miserable öffentliche Verkehrsanbindung. Keine U-Bahn führt nach Lainz. Eine altenfeindliche und patientenfeindliche Verkehrsplanung. Neben den 2192 Altenbetten gibt es dort ja auch noch 1038 Spitalsbetten. Von Brigittenau zur Endstations-Oma hin und zurück sind es zweieinhalb Stunden. Wer die ganz Alten besucht, ist auch nicht mehr jung und nur gesund. Daher trostlose Einsamkeit.

Hoher Wert ...

Tagsüber sitzen die Alten am Gang oder im Zimmer. Ganztagsfernsehen am Gang oder Ganztagsfernsehen im Zimmer. Schauen und nichts gesehen haben, hinstarren. Der ORF ist nicht altenfreundlich, die ZIBs bleiben unverstanden. Dahindämmern von 7 bis 17 Uhr. Dann die letzte Mahlzeit und der pharmakologische Gutenachtkuss. Infolge Personalmangel kaum ein Tag-Nacht-Rhythmus. Dafür ein sich ausbreitender sozialer und therapeutischer Nihilismus. Das muss nicht so sein.

Ehrenamtliche Besucher hereinzubitten kostet kein Geld, bringt aber Leben in das Altenquartier. Die Betagten kommen wieder vor die Tür, entdecken die vier Jahreszeiten im Wienerwald und finden schrittweise wieder in das Leben zurück.

Die Ehrenamtlichen kommen aber auch, um zu sehen. Sie werden das Gute loben und das Übel anprangern. Viel Öffnung erspart Kontrolle und drängt auf Verbesserung. Es entsteht "guter Wind für die Alten".

Die Trägheit in den Köpfen der Verantwortlichen, noch besser, die Trägen aus ihren Ämtern zu verjagen, ist billig, aber gut.

Eine Station wird umgebaut, erhält neue Betten, eine Rampe in den schönen Garten. Rampe und Bett passen nicht zusammen, also wird nichts mit den vier Jahreszeiten. Hausarrest für viele Bewohner. Alle wissen das, keiner verändert. Alle erklären, warum das Bett und die Rampe kollidieren, niemand ist für Veränderung an Bett oder Rampe zu haben. Ein Jahr wird vertan, bis wir den Missstand entdecken. Nun wird verändert. Wer für die Zwangskasernierung der Transportbedürftigen verantwortlich war, ist schwer auszumachen. Türme von Hierarchien tun sich über und neben den ignorierten Gepflegten auf, ein Verantwortungs-Verschiebebahnhof für alle Oberen und Oberinnen.

Daher weg mit den Trägen und den aufgeblasenen Hierarchien. Das kostet nichts, bringt Segen. Hätte obendrein den Vorteil, dass das unerträgliche Hineinregieren der sich aufspielenden Obrigkeit in den Arbeitsalltag der tatsächlich Arbeitenden auf den Stationen ein Ende fände. Autonome Arbeitsplätze sind gute und beliebte Arbeitsplätze. Autonomie verhindert Krankenstände, verhindert das Davonlaufen des Pflegepersonals, senkt die Fluktuation, hebt die Verweildauer im anstrengenden Pflegeberuf. Stationsschwestern verbringen bis zu 75 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Ausfüllen eines sinnlosen Zettelwerks, angeordnet von einer unnötigen Obrigkeit. Die Beseitigung derartigen Unsinns bringt viel, kostet nichts.

... und kleiner Preis

Nicht nur die Ökonomie beeinflusst die Lebensverhältnisse in der Langzeitpflege. Die hingestellten Speisen, das Flüssig-Breiige für die zahn-und gebisslosen Greisinnen muss nicht zwangsweise aussehen wie Erbrochenes. Farbloser, geruchloser, oft genug kalt dargereichter Brei unbekannter Genese bringt keine Freude in den traurigen Alltag. Das muss nicht so sein. Die Häuser des Kuratoriums der Stadt Wien haben gezeigt, dass um das gleiche Geld auch gute, appetitanregende Kost hergestellt werden kann.

In Hohenems wurde der Heimkoch bei einem berühmten Haubenkoch einquartiert. Er durfte sich Anregungen für das Sene-Cura-Heim holen. Dass der Altenkoch in der Nobelküche seine wahre Profession verschweigen musste, sagt viel über die Diskriminierung und Stigmatisierung der Alten und jener aus, die mit ihnen zu tun haben.

Es ist also erfreulich, wenn der Bürgermeister den Alten in Wien Pflegemilliarden verspricht. Er kann aber schon jetzt, bargeldlos, vieles zum Besseren verändern. Ich besitze eine lange Liste kostenloser Reformen. (DER STANDARD; Printausgabe, 19./20.5.2004)