Die Portugiesen sind streng, und im "Casa do Manuel" - Wiens lange Jahre einzigem portugiesischem Restaurant - waren sie es besonders. Manuel gab dann vor ein paar Jahren auf, mit dem Effekt, dass man Stockfisch höchstens noch beim einen oder anderen Dalmatiner bekam und der grüne Koriander zur Domäne der Thai-Köche werden konnte.

Insofern nicht ganz unkurios, dass das jüngste portugiesische Restaurant in Steinwurfweite des früheren "Casa do Manuel" eröffnete. Nachdem Nelson Fadista dos Santos vergangenes Jahr in Wien die Direktmarketing-Akademie abgeschlossen hatte, beschloss er, dann doch lieber Gastronomie zu machen, fand ein klei- nes Lokal in der Schwarzhorngasse und machte daraus mit wenigen Handgriffen und ohne rustikale Übertreibungen sein "Senhor Vinho".
Der Koch, den er und sein Bruder Daniel für dieses Projekt fanden, kann ohne Übertreibung als Original bezeichnet werden: Jesus erlernte diesen Beruf zwar nie, fragte die Kollegen in seiner Zeit als Holzfäller aber nach deren Rezepten und probierte dann alles selber aus. Einiges konnte er sogar noch verbessern, seine Piri-Piri-Sauce zum Beispiel ist einigermaßen einzigartig; dass er von den sieben Ingredienzen nur drei, nämlich Tomaten, Salz und Knoblauch verrät, ist natürlich bitter. Aber sonst hätte sie morgen ja jeder Kebabstand, sagt der Mann, der nebenberuflich auch noch eine Innenausbaufirma betreibt, in nicht ganz leicht zu verstehendem wienerisch-portugiesischem Idiom.

Speisekarte im herkömmlichen Sinne hat das "Senhor Vinho" keine, dafür aber eine Schiefertafel von einem mal einem Meter, mit der Nelson von Tisch zu Tisch geht. Was den Vorteil hat, dass er einem die portugiesischen Spezialitäten nicht nur erklärt, sondern dass man bei dieser Gelegenheit auch hört, wie man sie ausspricht. Punheta de Bacalhau zum Beispiel, ein wunderschön anzuschauender Stockfischsalat mit schwarzen Oliven und sehr viel Knoblauch, auch nach zwei Tagen des Wässerns noch schön salzig (€ 5); oder Carne de Porco à portuguesa, ein Gericht aus Schweinefleischstückerln, kleinen Bratkartoffeln, Zitrone, Oliven und Chili, dazu das Piri Piri, alles andere als "verfeinert", wunderbar (€ 7); oder Grão de Bico, überaus köstliche, mit Spinat und Käse gefüllte Teigtascherln von knuspriger Konsistenz (€ 2,90); oder einen in Österreich selten so gut gegessenen Kichererbsensalat - selbstverständlich mit Knoblauch, selbstverständlich mit Koriander, selbstverständlich mit Stockfisch (€ 2,90).
Wenige, aber gute Hauptspeisen, zum Beispiel Bacalhau à fadista, wieder Stockfisch, diesmal mit gequetschten Erdäpfeln, Knoblauch, weißer Zwiebel und Kräutern, hervorragend einfach (€ 10), oder Costeletas à portuguesa, 24 Stunden in Weißwein, Knoblauch, Chili und Cognac mariniert, ebenfalls sehr gut (€ 9). Die Weinkarte erscheint groß, hält dann aber doch nicht so viele Portugiesen parat, beim Port sind es leider fast nur Tawnies und Colheitas, Vintage ist keiner glasweise zu bekommen.

Aber egal, das "Senhor Vinho" ist ein ausgezeichneter Botschafter für die portugiesische Küche, die unprätentiöse Art, die hemmungslose Verwendung ihrer liebsten Zutaten, die günstigen Preise. Und Nelsons Vater singt außerdem hervorragend Fado, erfährt man, "aber man weiß nie, wann, das kommt eher spontan". (DERSTANDARD/rondo/Florian Holzer/21/05/04)