Eine ganze Nacht lang haben die Parlamentsparteien über das Tierschutzgesetz nachverhandelt - nach vielen ergebnislosen Runden, etlichen Drohgebärden und Vorhersagen, dass die ganze Materie schließlich scheitern könnte, sind dann Regelungen herausgekommen, die wesentlich schärfer sind als der Entwurf von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel.

Hätte Schüssel das nicht einfacher haben können? Wahrscheinlich nicht: Sein Vorschlag ist zwar vielen Tierschützern als wesentlich zu schwach erschienen - es war aber der weitest-gehende Kompromiss, den die auf die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit "ihrer" Bauern schauende Volkspartei mit den auf das Wohl der Tiere (besonders jener in den Händen muslimischer Schlächter) orientierten Freiheitlichen schließen konnte.

Jetzt also war doch noch deutlich mehr drinnen für Hund und Katz, Rindvieh und die heute noch mehrheitlich in engen Käfigen lebenden Hendln. Das hat mit dem öffentlichen Druck zu tun, den jene Politiker erzeugen konnten, die mehr verlangt haben - und Raum in der Kronen Zeitung bekommen haben.

Da konnten letztlich auch die Bauernvertreter nicht mehr anders: Gegen die Zusage von Ausnahmebestimmungen für kleine Landwirte haben auch sie zugestimmt. Die bittere Medizin wird den Bauern wohl mit dem einen oder anderen Förderungs-Euro schmackhaft gemacht werden können. So sind denn alle, alle Gewinner der neuen Regelung: Der Bundeskanzler, der noch rasch vor der EU-Wahl das Wahlversprechen einlösen kann, ein Bundes-Tierschutzgesetz zu verabschieden, die Verhandler, die noch ihre eigenen Ideen unterbringen konnten, und selbst die Tierschutzorganisationen, für die die neuen Regelungen Ansporn sind, mehr zu fordern. Vor allem aber dürfte es den Nutztieren wirkliche Verbesserungen bringen - vorausgesetzt, die Konsumenten kaufen auch weiterhin die durch die neuen Regelungen teurere heimische Ware mit Tierschutz-Garantie. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 21.5.2004)