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Elfriede Kern:
Tabula rasa
Vier Erzählungen
€ 19,-/153 Seiten. Jung und Jung, Salzburg 2003

Foto: Archiv
Bei heutigen Erzählern merkt man sich in der Regel bis auf Widerruf der Erinnerung gerade einmal das grobe Handlungsgerüst. Bei Elfriede Kern ist das anders. Man behält einen Ton des Erzählens und Bilder, die dieser Ton erzeugt. Einzahl erzeugt Mehrzahl. Der Ton bleibt weitgehend gleich, wie in Schwebe; die Bilder legen sich übereinander: Nebelbilder, Traumschwaden, wie hinter angelaufenen Fensterscheiben, wie durch Schneegrieseln oder Nieselregen.

Dazu gehört eine unnachgiebige Langsamkeit und dickschädlige Beharrlichkeit, mit der sie die an Starrsinn grenzende Eigenwilligkeit der Personen erzählend begleitet. Sich selbst? Zumindest die vier Erzählungen dieses Bandes (drei kurz, eine lang) erzählt ein Ich, von dem wir zu Unrecht annehmen, es sei immer ein weibliches. Erst die letzte (die lange) Erzählung "Ruth schläft" schafft so vergleichsweise überdeutliche Klarstellung, dass einem bewusst wird, wie sehr die anderen auch in diesem Punkt einen Schwebezustand herstellen.

So schnell man auch lesen mag, auch inhaltlich stellt sich der Eindruck der Langsamkeit ein; die schleppende oder schmerzliche Mühseligkeit der Fluchtgeschichten - alle vier Geschichten erzählen von zwanghaftem oder erzwungenem Entzug, weg aus der Gesellschaft - begleitet eine Störung des Alltäglichen. Elfriede Kerns Personen kippen heraus aus einer Welt, die für sie eine fremde oder gar feindliche ist. Deswegen klammern sie sich an Dinge oder uns unbegreifliche, den Personen aber selbstverständliche Eigenheiten, die sie noch mehr zu Fremdlingen machen und aus der Gemeinschaft verstoßen.

Wem würde dazu nicht gleich Kafka einfallen. Aber auch Alfred Kubin wäre ebenso wenig falsch. Oder lange Sequenzen aus Carl Theodor Dreyers Vampyr-Film. Oder Fellinis Die Reise des G. Mastorna. Richtig ist, dass die Traumhaftigkeit oder Traumartigkeit der Handlungsverläufe mit ihren irrealen Wendungen und ihrer überraschenden Lakonik (so bei Elfriede Kern) nichts mit der geradezu fotografisch-realistischen Genauigkeit in Kafkas psychologischer und phänomenologischer Detailtreue zu tun hat. Kafkaesk muten uns die Situationen bei ihr allemal an, aber bei ihr findet sich nicht die stechend schmerzliche Präzision in der Knappheit.

Allerdings sind Vergleiche mit Kafka zwangsläufig fast immer misslich. So und so. Richtig ist allerdings auch, dass Elfriede Kern der zähen Unbeugsamkeit und der dem Autismus nahen Obsession ihrer ProtagonistInnen sprachliche Tugenden abgewinnt, die die sinistre Fantasie in eine adäquate Sprache und diese wiederum in einen uuml;berzeugenden, unverwechselbaren und lang anhaltenden Ton (wie gesagt) zu verwandeln vermögen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.5.2004)