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Foto: Reuters/Kessler
Cannes - Die ehrliche Verblüfftheit stand dem Gewinner ins Gesicht geschrieben, als er am Samstagabend am Ende der Preisvergabezeremonie tatsächlich auf die Bühne gebeten wurde: "Was haben Sie getan?! Ich bin völlig überrumpelt! Merci!", rief Michael Moore in Richtung der von Quentin Tarantino geleiteten Jury: In der Tat kam die Goldene Palme für Moores Doku-Satire Fahrenheit 9/11 selbst für jene Beobachter überraschend, die damit rechneten, dass sich diese Jury in irgendeiner Weise "politisch" positionieren würde.

Immerhin konnte man, Politik hin oder her, heuer getrost vom besten Wettbewerb der vergangenen Jahre sprechen: Zu recht favorisiert wurden im Vorfeld der Preisverleihung etwa Chan-Wook Parks koreanischer Rachethriller Old Boy (der letztlich den Großen Jury-Preis erhielt), Olivier Assayas' Melodram Clean (Maggie Cheung wurde als beste Darstellerin prämiert) oder Kore-eda Hirokazus Jugendtragödie Nobody knows (bester Darsteller: der erst 14-jährige Yagira Yuuya).

Es spricht weiters für das hohe kinematografische Niveau bei diesen 57. Internationalen Filmfestspielen in Cannes, dass Werke, die in anderen Jahren locker gewonnen hätten, heuer nur in Nebenschienen reüssierten oder gar nicht bedacht wurden. Agnès Jaouis Comme une image, durchaus ein Glanzpunkt des französischen Gesellschaftskinos der letzten Jahre, kreisend um eine junge, etwas fülligere Frau, die gegen gängige Modelklischees ankämpfen muss, erhielt "nur" den Preis für das beste Drehbuch. Und Emir Kusturicas Kriegsgroteske Life is a Miracle ging ebenso leer aus wie Wong Kar-Wais jüngster Wurf 2046.

Letzterer hatte in den letzten Tagen zusätzlich Beachtung erfahren, weil für ihn, ziemlich einzigartig in der Geschichte des Festivals, der Spielplan kurzfristig umgestellt werden musste: Nach fünf Jahren Drehzeit und Schnitt war es den Produzenten nicht gelungen, pünktlich eine fertig untertitelte Kopie von Hongkong nach Frankreich zu schaffen.

Works in progress

Aber was heißt überhaupt fertig: Hartnäckig halten sich Gerüchte, 2046 sei in keinster Weise abgeschlossen. Der Film, in dem Wong Kar-Wai, ähnlich wie schon in In The Mood for Love, in abgedunkelten Hotel-Studio-Ambientes melancholische Liebesbeziehungen wie edle Textilien entfaltet, soll angeblich von derzeit 125 auf gut 100 Minuten heruntergekürzt werden - was so mancher eher kunstgewerblichen Erstarrung vielleicht auch ganz gut täte.

Kurz, man erlebte in Cannes quasi das Privileg, einem absoluten Meister bei der Arbeit über die Schulter blicken zu dürfen bzw. zu sehen, wie sich auch so ein Meister manchmal ein bisschen verrennt. Die Pointe etwa, dass "2046" sowohl eine Zahl für ein Hotelzimmer wie auch der Titel eines Sci-Fi-Romans ist - Wong Kar-Wai walzt sie bis an den Rand zur Redundanz aus. Zurück also in den Schneideraum. Vielleicht sehen wir dann, wenn weitere Monate oder gar Jahre vergangen sind, einen völlig anderen Film.

Wobei: Dies wäre durchaus auch rund um Fahrenheit 9/11 denkbar, wenn auch aus Gründen, die eher juridischer und/oder verleihtechnischer Natur sind. Michael Moores Verblüfftheit und Freude über die Goldene Palme - sie mögen nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass der Filmemacher und Oscar-Preisträger sehr wohl weiß, dass die vorliegende Fassung seiner Dokumentation über Wesen und Unwesen der Bush-Administration (noch) gar nicht die bestmögliche ist. Und wenn jetzt auch alle Beteiligten in Cannes lauthals gejubelt haben: Die Nerven beim Fahrenheit 9/11-Team liegen mittlerweile ziemlich blank.

Nicht entschieden war bis zum Schluss, ob und mit welchen Verleihern ein US-Filmstart im Sommer wirklich bewerkstelligt werden kann. Nicht geklärt war weiters die Frage, ob und wie Miramax-Boss Harvey Weinstein das umstrittene Werk bei seinem verärgerten Teilhaber Disney auslösen kann oder muss.

Test durch Anwälte

Tatsache ist jedenfalls, dass die in Cannes vorliegende Fassung von einer wahren Heerschar von Anwälten auseinander genommen, relativiert und nach einigen Kürzungen für hieb- und stichfest befunden wurde. Tatsache ist weiters, dass Weinstein etwa der offiziellen Pressekonferenz ostentativ fern blieb - und das ist bei dem sonst um ruppige Wortspenden nie verlegenen Produzenten doch ziemlich ungewöhnlich.

Aber nicht nur Weinstein hielt sich in Cannes auffällig zurück (auch wenn ihm nach einem ersten Presse-Screening von vielen Seiten gedankt und gratuliert wurde): Auch Michael Moore, der begnadet offensive PR-Stratege, ließ plötzlich, wie bereits berichtet, alle vereinbarten Interviews mit internationalen Medien canceln. Und auch auf seiner Homepage ist bis dato die Ankündigung nicht eingelöst worden, alles, aber auch wirklich alles über diverse Interventionen gegen den Film offen zu legen.

"Ein freies Land . . ."

Rund um US-Präsident George W. Bush, der am Samstag hoffentlich nicht aus Sorge vor der Palmenverleihung von einem Mountainbike fiel, gibt man sich derweilen in Sachen Fahrenheit 9/11 betont gelassen. "Wir sind ein freies Land", soll eine Sprecherin des Weißen Hauses gesagt haben. "Jeder hat das Recht zu sagen, was er will."

Moore wiederum, der zumindest gleich nach der Palmenverleihung kurz wieder ein wenig überschwänglicher und sarkastischer agierte - er sagte, er bezweifele, dass Bush wisse, was die Goldene Palme sei. "Doch ich hoffe, es wird ihm nicht (von der Preisvergabe) erzählt, wenn er ein Brezel isst", sagte der Filmemacher in Anspielung an jenen fatalen "Unfall", bei dem der US-Präsident sich an trockenem Gebäck verschluckt haben soll. Hämische Beobachter meinten übrigens, Bushs eigenwillige Gestik und Rhetorik, von denen Fahrenheit 9/ 11 entschieden profitiert, hätten ihm eigentlich den Preis für den "besten Hauptdarsteller" eintragen müssen.

Unklar ist bis auf weiteres, was die Auszeichnung von Fahrenheit 9/11 in weiterer Folge für das zuletzt ohnehin angespannte Verhältnis zwischen dem Festival in Cannes und Hollywood bedeutet. Auch heuer war es wieder auffällig, wie sehr sich die US-Filmindustrie vom Marktplatz Cannes zurückgezogen hat. Kommende Großereignisse wie Harry Potter 3 oder The Day After Tomorrow wurden an der Croisette de facto nicht einmal plakatiert.

Michael Moore will aber keinen Konflikt zwischen den USA und Frankreich, sondern vor allem inneramerikanische Spaltungen erkennen: Quentin Tarantino habe ihm im Übrigen auch gesagt, die Preisvergabe habe nichts mit Politik zu tun, es sei schlicht "ein großer Film". (Claus Philipp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 5. 2004)