Wenn zehn lange Jahre nach dem EU-Beitritt noch immer jeder zweite Österreicher glaubt, seine Stimme bei den anstehenden EU-Wahlen diene in erster Linie der Durchsetzung nationaler Interessen Österreichs im Straßburger Parlament, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht. Dann müssen sich all jene, die für die politische Aufklärung der breiten Öffentlichkeit sorgen - Medien, Schulen, Politiker -, sehr kritische Fragen gefallen lassen, was da schief gelaufen ist. Das häufig gehörte Argument, wonach "die (böse) EU" mit ihren "Sanktionen" gegen Schwarz-Blau selber schuld sei, wenn die Österreicher ihr gegenüber jetzt so feindlich gestimmt seien, zählt da wenig. Auch die skrupellos, immer vor Wahlen besonders herzhaft betriebenen Anti-Kampagnen des Boulevards allein können nicht der Grund sein. Die Ignoranz geht viel tiefer. Ein erheblicher Teil der Bürger weiß offenbar nicht, dass das Europäische Parlament praktisch genauso funktioniert wie das österreichische: dass dort Interessengruppen bzw. Parteien aus ganz Europa versammelt sind, die sich zu Fraktionen zusammentun, um gemäß ihrer Weltanschauung Politik zu machen - linke, konservative, liberale, ökologische, föderale oder eher zentralistische Politik. Aber eben eine Politik auf europäischer und nicht auf nationaler Ebene. Nur die Dimensionen sind größer. Zu verantworten haben dieses ärgerliche Nichtwissen in erster Linie die Parteien. Viel zu lange haben sie ihre EU-Abgeordneten in der Bedeutungslosigkeit gehalten. In anderen Ländern ist das EU-Parlament oft Zwischenstation für künftige Minister und andere Polit-Kapazunder. In Österreich werden sie nur kurz vor Wahlen auf die große Bühne geholt. Kein Wunder, wenn die Leute nicht wissen, was sie an ihnen haben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.5.2004)