Günter Köck ist Fischer. Nicht aus Jagdleidenschaft, sondern der Wissenschaft wegen. Der Forscher am Institut für Zoologie und Limnologie der Universität Innsbruck hat in arktischen Gewässern einen Haufen Seesaiblinge gefangen und einem kanadischen Labor zur Schadstoffanalyse gegeben. Die Ergebnisse sollen in den nächsten Wochen bekannt werden. Derzeit ist Köck wieder auf dem Weg in die Arktis. Donnerstagnachmittag flog er von Wien weg. Am 14. Juni, wenn alles gut geht, soll er hier wieder landen. Um was es dort im ewigen Eis geht? Der Tiroler und sein Team untersuchen mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die Auswirkungen des Klimawandels auf das sensible Ökosystem in der Arktis - vor allem die Folgen für die dortige Tierwelt und damit für die dort lebenden Inuit.

Begonnen hatte alles mit der Feststellung, dass die Zahl der Geburtsfehler und Krankheiten bei den Inuit steigt. Warum plötzlich, leben sie doch in einer scheinbar unberührten Natur? Köcks Antwort: Durch die Klimaerwärmung gelangen vermehrt Schadstoffe, vor allem Schwermetalle wie Quecksilber in die arktische Region. Fische, Wale und andere Arten fressen den aus industrialisierten Ländern kommenden Dreck, was sich nicht nur negativ auf deren Fortpflanzungsfähigkeit auswirkt und so die jeweiligen Bestände dezimiert. Sondern das Gift führt schlussendlich auch im Organismus der Inuit, die die verseuchten Tiere als Nahrungsgrundlage haben, zu schweren Schäden. "Jedenfalls deutet alles auf diesen fatalen Kreislauf hin", erklärt der Wissenschafter, "in welchem Ausmaß dies zutrifft, werden wir nach den Daten der Fischanalysen wissen, die wir bald haben."

Quecksilber etwa gelange über Fungizide, Düngemittel und durch die Farb- und Metallindustrie in die Umwelt, in die Atmosphäre, über der Arktis würde das Schwermetall abgeregnet. Metallisches Quecksilber sei laut Köck das geringere Problem, schädigend sei das organische. Wie aber wird metallisches in organisches, in Methylquecksilber umgewandelt? "In der Arktis leben unzählige Bakterien, die das bewerkstelligen", erklärt der Forscher, "und die durch den Klimawandel bedingte Temperaturerhöhung führt zu einer immer stärker werdenden bakteriellen Aktivität - also zu immer mehr Gift." Die Seesaiblinge etwa würden sich in den länger werdenden Wärmeperioden, in denen die Seen eisfrei sind, Vorräte (und organisches Quecksilber) anfressen. Über die Nahrungskette lande das Gift dann im Organismus der Inuit.

Während seines jetzigen Aufenthaltes im Eis soll eine "bathymetrische" Karte (Tiefenkarte) des Lake Hazen auf Ellesmere Island in Kanada erstellt werden. Basierend auf dieser Karte sollen dann an der tiefsten Stelle des Sees sowie an weiteren geeigneten Punkten Sedimentbohrkerne entnommen und als "Klima-Archiv" verwendet werden. Köck, Projektleiter dieses Unterfangens, arbeitet dabei mit Harald Niederstätter und Burkhard Berger vom Institut für Gerichtsmedizin der Uni Innsbruck, mit Derek Muir und Charles Talbot vom National Freshwater Research Institute in Burlington, John Babaluk und Jim Reist vom Department of Fisheries and Oceans in Winnipeg und Mike Flannigan vom Canadian Forest Service zusammen.

Lake Hazen ist aus mehreren Gründen für die Wissenschaft interessant: Der im nördlichsten Nationalpark der Welt (Ellesmere Island National Park Reserve) gelegene See ist mit einer Fläche von mehr als 540 Quadratkilometern das größte Gewässer nördlich des Polarkreises. Durch die Abschirmung durch zwei Gebirgszüge und die Reflexion des Sonnenlichts an der großen Wasserfläche und den umliegenden Gletschern stelle das Gebiet laut Köck "eine thermale Oase" dar. 70 frostfreie Tage im Sommer ermöglichen eines der reichsten Wildvorkommen in der polaren Wüste der Hocharktis.

Aufgrund seiner abgeschiedenen Lage, seiner Nähe zum Nordpol - rund 800 Kilometer - und nicht zuletzt aufgrund seiner Fischpopulation ist der See für "Global Change Studies" geeignet wie kaum ein anderer. Durch seine enorme Tiefe von etwa 280 Metern und der damit im Vergleich zu anderen arktischen Seen höheren Sedimentationsrate stellt der Seeboden des Lake Hazen ein perfektes Klimaarchiv dar. Viele Schadstoffe, die aus dem Süden über atmosphärische Strömungen in die Polarregionen getragen werden, kondensieren aufgrund der kalten Temperaturen der Arktis und gelangen so in die Gewässer, wo sie im Sediment über Jahrhunderte nachweisbar sind. Darüber hinaus kann mit paläolimnologischen Methoden die Entwicklung des Klimas anhand von Sedimentkernen über viele Jahrhunderte untersucht werden.

Als Basis für diese zukünftigen Sedimentuntersuchungen ist jedoch eine bathymetrische Karte Voraussetzung. "Trotz der Bedeutung dieses Sees gibt es bis dato aber noch keine Tiefenkartierung", bedauert Köck. In den 50er-Jahren wurde zwar versucht, erstmals eine solche zu erstellen, doch der verantwortliche Wissenschafter sei dabei ertrunken. Köck hofft nun, mit seinem Team endlich eine solche Karte erstellen zu können. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. - 31. 5. 2004)