Mit der EU-Erweiterung kommt auch eine Erweiterung der Vergangenheit. Nationale und ethnische Geschichten, die unter ein Unionsdach kommen, werden zahlreicher, ihre Beziehungen zueinander verwickelter. Der Anspruch, sie darzustellen, womöglich im Einklang, besteht dennoch.

Ob und wie das wissenschaftlich machbar ist, war Thema der Historikertagung "Wie schreiben wir Europäische Geschichte?", die am Wochenende an der Warschauer Universität stattfand. Eingeladen hatte das dortige Österreichische Kulturforum in Zusammenarbeit mit den französischen Kollegen, dem Adam-Mickiewicz-Institut und dem Geschichtsinstitut der Uni.

Die mittelbaren Anlässe waren die Rückkehr nationaler Bewegungen und entsprechender Rekonstruktionen der Vergangenheit seit 1989 sowie die dadurch wachsenden Konkurrenzen um die "korrekte" Erinnerung, die konstituierend für die Zukunft sein soll. Also im Wesentlichen Stoff aus dem 19. und 20. Jahrhundert, doch die Vortragenden und Diskutanten zeigten, dass der Rahmen größer abzustecken ist.

Ihnen zufolge reichen die Säulen, die Herausforderungen der und die Alternativen zur Geschichte des Kontinents bis zu Karl dem Großen, Mohammed, ja zu Karthago und den ersten Abgrenzungen gegen das Nichteuropäische, die die Griechen etwa am Fluss Don zogen. Eine Standardgeschichte Europas sei also Illusion, argumentierte Ryszard Zóltaniecki vom Mickiewicz-Institut und machte damit Platz für eine Debatte, wie denn die nationalen Narrative zueinander in Beziehung gesetzt werden können.

Fehlende Erinnerung

Der Historiker Gerd Krumeich (Düsseldorf) erweiterte die Frage nach den Gedächtnisorten um die Variante, an welche Orte man sich - in Unterricht, Monumenten, Folklore und politischer Kultur - nicht oder nicht mehr erinnert: Der Erste Weltkrieg etwa werde von den Deutschen noch immer ganz anders interpretiert als von den Franzosen, und Verdun sei überhaupt aus der deutschen Erinnerung durch den nachfolgenden Krieg verdrängt worden.

Die Welt nach Versailles und Trianon sei auch deswegen so schnell zusammengebrochen, weil es keinen Konsens gab, was an ihr richtig und was falsch war, stellte Wlodzimierz Borodziej aus Warschau fest. Oliver Rathkolb (Wien) nannte den "Rechtsraum Europa" als bestimmendes Kriterium und behandelte die in Europa immer aktueller werdende Frage, wie der Geschichtsunterricht über die Schoah von türkischen und kurdischen Schülern wahrgenommen wird.

Die Reaktionen reichten von Identifikation bis Ablehnung - was also kann eine Tagung wie diese leisten? Zeigen, meinte Rathkolb zum STANDARD, dass die wissenschaftliche Beschäftigung zu einer Mentalitätsgeschichte Europas und nicht mehr zur klassischen politischen Legitimation beitragen kann. Wir seien noch weit von einer transnationalen Geschichtsschreibung entfernt, sagte Emil Brix, Leiter der Auslandskulturpolitik im Wiener Außenamt, weil die Mehrheit der Eliten nicht auf ihre nationale Souveränität verzichtet. Andreas Stadler, Direktor des Kulturforums, resümierte, dass die Bedingungen solcher transnationalen Ansätze verbessert werden können. Wenn auch, wie Zóltaniecki meinte, die Suche nach der endgültigen Wahrheit so illusorisch ist, als wolle man die Horizontlinie erreichen. (Michael Freund aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 26.5.2004)