Keine Frage: Oberste Priorität eines jeden freien Landes muss der Schutz seiner Bürger und Vermögenswerte vor terroristischen Gewaltakten sein. Dazu bedarf es allerdings Maßnahmen, die tief in der Tradition des Liberalismus und der Toleranz verankerten Bürgern und politischen Autoritäten nicht leicht fallen.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Toleranz ihre Grenzen hat. Sich von den Werten und Sitten einer freien Gesellschaft zu distanzieren ist problematisch, aber letzten Endes akzeptabel. Aggressionsfreie Demonstrationen dieser Distanz – wie das Tragen islamischer Kopftücher durch Schüler und Lehrer in mehrheitlich christlichen Ländern – sollten zumutbar sein. Gewalt hingegen sollte niemals toleriert werden.

Das Monopol der Gewaltausübung durch den demokratischen Staat muss erhalten bleiben. Dazu kann die Ausweisung von Nichtstaatsbürgern, die sich für Gewalt entscheiden oder ihren Einsatz befürworten, ebenso gehören wie die Inhaftierung von Staatsbürgern, die Gewalt anwenden oder damit drohen. Dennoch ist es von entscheidender Bedeutung, dass Terroristen oder des Terrorismus verdächtige Personen streng innerhalb rechtsstaatlicher Normen behandelt werden. Die unbefristete Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren ist ebenso inakzeptabel wie die Einstufung von Menschen als "illegale Kombattanten" in einem rechtsfreien Raum.

Der Status der Häftlinge in Guantánamo Bay und die jüngsten Fälle möglicherweise systematischer Erniedrigung und Folter irakischer Gefangener lassen Zweifel an genau den Werten aufkommen, auf denen eine liberale Ordnung basiert. Angesichts solcher Vorkommnisse fragt man sich, ob die Terroristen am Ende ihr Ziel, den Westen und das, wofür er steht, zu zerstören, erreicht haben. Auf die Zerstörung der liberalen Ordnung ausgerichteter Terrorismus stellt diese Ordnung auf die Probe. Vor allem dann, wenn man – so wie ich – die Einmischung in die inneren Angelegenheiten von Ländern akzeptiert, wenn es darum geht, Völkermord oder die mörderische Unterdrückung von Minderheiten und Oppositionsgruppen zu verhindern.

Diese Intervention darf jedoch niemals mit den Methoden derjenigen arbeiten, gegen die sie sich richtet. Das gilt auch für die Ziele der intervenierenden Mächte. Terrorismus der Marke Al-Kaida ist grundsätzlich destruktiv. Jede Reaktion muss grundsätzlich konstruktiv sein.

Die Frustration vieler Menschen – nicht nur – in den wirtschaftlich unterentwickelten Ländern ist eine Herausforderung, der man nicht sicher nicht gerecht werden kann, indem man einfach "unbegrenzte Möglichkeiten" nach dem Muster des American Dream verspricht. Dazu bedarf es vielmehr eines Gefühls für soziale Verantwortung, die den schmerzhaften Prozess der Modernisierung begleitet und abmildert.

Menschen im Niemandsland zwischen einer verlorenen Vergangenheit und einer noch nicht eingetretenen Zukunft brauchen Hilfe. Derartige Unterstützung wird zwar nicht unmittelbare Ergebnisse zeitigen, aber das Bewusstsein für Mittelfristigkeit – die Bereitschaft, sich der Herausforderung trotz verzögerter Anerkennung zu stellen – ist auch ein Zeichen einer liberalen Ordnung.

Der Kampf gegen die Al-Kaida ist daher kein Krieg. Es handelt sich um eine Mischung aus Selbstverteidigung, der Behauptung des Rechtsstaates unter schwierigen Bedingungen und dem konstruktiven Bemühen, die Gründe für die Frustration zu beseitigen. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2004)