"Interessant wird", so Andrea Jungmann, Chefin von Sotheby's Österreich, "welchen Künstlern die Finanzspritze" – die Charles Saatchi aus dem Schadensfall jetzt aufziehen kann – "zugute kommt". Und Rachel Campbell, Kunstkritikerin der Londoner Times, kommentiert trocken: "Für viele BritArt-Sammler könnte es durchaus eine gute Nachricht sein. Der Wert ihrer Exponate schnellt hoch."

Jedenfalls ist interessant, dass alle Betroffenheit ob der Verluste sich auf Charles Saatchis Sammlung konzentriert, dass dem Werbefachmann vorauseilend medial die größte Aufmerksamkeit zuteil wird. Schließlich ist nicht sein Depot abgebrannt, sondern ein Lager von Momart, einer der weltweit größten und arriviertesten Kunstspeditionen. Und zweifellos waren dort auch andere Werte gebunkert.

"Ebenso gut wie Hell von den Chapman Brothers oder Tracey Emins Tent, könnte etwa ein Cézanne in den Flammen gewesen sein", kommentiert Andrea Jungmann und merkt an, dass es international Standard sei, edle Ware in brand- und wassersicheren "strong rooms" zu lagern. Und die haben eben nur eine bestimmte Quadratmeterzahl an Platz. Was unmittelbar zur Frage führt, wer für den – längst noch nicht exakt bezifferbaren – Millionenschaden aufkommen wird, ob Saatchi und/oder Momart entsprechend abgesichert sind.

Was sonst noch alles an Kunst im Speditionsdepot zwischengelagert war, dem lässt sich im Moment bloß im Ausschlussverfahren nahe kommen. BBC-Berichten zufolge ist die Tate Modern jedenfalls glücklich, bei einem ihrer wichtigsten Spediteure gerade "nichts gelagert zu haben", wohingegen Londons White Cube, die sicher wesentlichste Sammlung von BritArt, sich – ohne Details zu nennen – "furchtbar schockiert" zeigt. Die Royal Academy und die National Gallery verweigern mit dem Hinweis auf Sicherheitsfragen jede Auskunft.

Der BritArt selbst sollte der Brand entgegenkommen. War doch "Ironie" stets eines der Hauptargumente von Superstar Damien Hirst, um konservierte Haifische oder Kuhhälften ins Museum zu bringen. Und Sammler Charles Saatchi hat kräftig daran mitgewerkt, jugendliche Absolventen des Gold^smith College im Schnellverfahren zu "Ikonen" zu stilisieren – Ikonen von fantastischem Werbewert, ebenso "shocking" wie smart und dar ob leicht wiederzuerkennen. Und was könnte diesen mehr als rüstigen Legenden Besseres passieren, als schon zu Lebzeiten als rar zu gelten?

Was, stellt sich die Frage, bedeutet der Verlust des Originals, wenn ohnehin jede der verbrannten Arbeiten absolut lückenlos, in jeder nur erdenklichen Auf- und Ausstellungssituation dokumentiert ist? Was bedeutet es, wenn die Brüder Jake und Dinos Chapman ihr Hauptwerk Hell noch einmal bauen wollen? Und um wie viel wird es teurer sein, wenn in der Kopie des aufwühlenden Desasters ein verkohltes Stück Original stecken wird?

Der "schwere Schlag" für die junge britische Kunst, das Desaster, könnte am Ende der Kick zu deren vorläufig endgültigem Durchbruch gewesen sein. Was insofern auch von Bedeutung ist, als sich die Juroren des Turner-Preises künftig nicht mehr ganz so intensiv um die mediale Tauglichkeit der von ihnen ausgezeichneten Werke werden kümmern müssen.

Jedenfalls aber wird die unglückliche Zerstörung von Ware um einige Million Pfund der Kunstwelt einen kräftigen Schub geben. Und damit, dass Speditionsgebühren oder Versicherungsprämien noch teurer werden, ist nach Meinung von Andrea Jungmann auch nicht zu rechnen. Am 15. Juni eröffnet mit der Art Basel der weltweit wichtigste Umschlagplatz für Gegenwartskunst. Mit kurzfristigen Änderungen in den Galerieprogrammen ist zu rechnen. Mit Rekordpreisen auch. (DER STANDARD, Printausgabe vom 27.5.2004)