"Ein Schachspiel ist wie ein See, in dem eine Mücke baden und ein Elefant ertrinken kann", lautet ein indisches Sprichwort. Ähnlich muss es dem Deutschen Kaspar Stock ergangen sein, einem Deutschen, der sein Leben dem Schach widmete. Das begann mit einem Hochzeitsgeschenk 1960 und endet vorerst mit der Versteigerung von 118 Schachspielen bei Christie's South Kensington.

Eine späte, aber traditionelle Version des Spiels, entstanden in Rajasthan in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ist aktuell mit 23.000 bis 30.000 Euro veranschlagt. Von Indien aus gelangte das Schachspiel nach Ostasien und in den Vorderen Orient. Obwohl sich der Prophet Mohammed dem Spielen an sich gegenüber kritisch geäußert hat, fand Schach im arabischen Raum rasche Verbreitung.

Als Mohammed die Abbildung von Menschen und Tieren verbot, durften die Schachfiguren nur noch sehr vereinfacht dargestellt werden. In der Sektion reduzierter Formen bietet Christie's Versionen aus mehreren Jahrhunderten: muslimische Figuren, vier eines Spiels aus der Zeit vor 1500 (600-750 €) oder ein abstraktes Set aus dem 20. Jhdt. (900-1000 €), indische Figuren aus der Mitte des 19. Jahrhunderts (2700-5300 €) bis hin zu Metallversionen aus den 70ern, etwa ein von Charles Perry entworfenes Spiel (900-1200 €). Über die islamischen Eroberer gelangte das Schachspiel nach Europa, wobei einige Figuren ihre Bezeichnung änderten. Aus dem Schah wurde der König, aus dem Wesir die Dame, aus dem Kampfwagen der Turm.

Zu größeren Kontroversen führte der Elefant, da die Stoßzähne nur durch Hörner angedeutet waren und die Tierart in Europa unbekannt war. Die Franzosen erkannten in den vermeintlichen Hörnern eine Narrenkappe, die Engländer hielten sie für eine nach vorn gerutschte Bischofsmütze. Gemeint war die heute als Läufer bekannte Figur. In vielen für den Export nach Europa bestimmten chinesischen Spielen findet sich deshalb statt dem Läufer ein Bischof, wie verschiedene bei Christie's angebotene und zwischen 1800 und 6000 Euro veranschlagte Sets zeigen.

Um den Spielverlauf spannender als ursprünglich zu gestalten, experimentierte man mit "langschrittigen" Figuren. Dies bedeutete eine Entmachtung des Königs und eine Aufwertung der Dame, wozu man sich - gemäß dem Weltbild - erst ab dem 15. Jahrhundert durchringen konnte. Die damalige Reform führte zur heutigen Gangart der Figuren und zur Rochade, das früher als Partiegewinn gewertete Patt wurde zum Remis. Für Liebhaber des Spiels belegt die nun in alle Winde zerstreute Sammlung teilweise die Dokumentation der Entwicklungsgeschichte des Schachspiels und vor allem die Fertigkeit von Künstlern unterschiedlicher Kulturen. (kron / DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2004)