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Foto: apa/Alex Bailey
Ob antiker Halbgott oder biegsames Stehaufmännchen: Die Probleme des modernen Mannes holen Hollywoods Filmhelden ein. Jüngstes Beispiel: Brad Pitts körperlich hochgerüsteter Achilles.


Brad Pitt hat zugenommen. Nicht um die Hüften, und schon gar nicht am Bauch, wie uns in Bildern gezeigt wird, die genau am Schamhaaransatz enden. Er hat an den Schultern zugelegt, dort, wo Atlas die Weltkugel trägt, der Löwe die Mähne und Jesus das Kreuz. Die Haare hat er sich auch wachsen lassen, um in "Troja" den Achilles zu spielen, den Helden des Ausnahmezustandes, den Mann über dem Gesetz, den Halbgott mit Kurzschwert. Brad Pitt gibt sich archaisch, aber es hilft alles nichts: Die Probleme des modernen Mannes holen ihn ein. Die Ilias erweist sich, selbst in der Hollywood-Verfilmung durch Wolfgang Petersen, als Epos des Zwiespalts, als groß angelegter Fight Club, als Endspiel für das Heroische.

Während die neokonservativen Intellektuellen in den USA die Antike bemühen, um eine neue, aggressive Strategie der letzten Supermacht zu legitimieren (Robert Kagans Bestseller über den Peloponnesischen Krieg), findet das Kino in den Götter- und Heldensagen keine Orientierung mehr, sondern nur Gründe zur Skepsis. Die Stars vermögen das Ruder auch nicht mehr herumzureißen: Sean Bean bleibt blass in der Rolle des Odysseus. Peter O'Toole wirkt senil als stechäugiger Priamos. Und Eric Bana unterliegt, weil er es allen recht machen will.

Bleibt also nur Brad Pitt, der soldatische Körper. Durch schiere Größe ragt er heraus aus der neuen Unübersichtlichkeit, die den Trojanischen Krieg auszeichnet. Der Kampf ist seine Natur, die Politik ignoriert er. Aber es gelingt nicht. Der ganze Film dreht sich um ihn, aber er bekommt ihn nie in den Griff. Brad Pitt ist als Schauspieler zu sehr Objekt (der Begierde), als dass er Subjekt (der Geschichte) werden könnte. Mit diesem Widerspruch geht er durch den Film, durch seine ganze Karriere.

Es ist der Widerspruch, an dem das Männerschauspiel in Hollywood generell laboriert: Die Stars sollen Fotomodelle mit Eigenschaften sein. Aber die Virilität schlägt allzu schnell in Sterilität um, die Individualität aber nicht in Intimität. Keanu Reeves hat diesen Befund in eine Qualität verwandelt als Neo in "The Matrix" - ein Mann von beinahe abstrakter Schönheit, ein unnahbarer Held, eine faszinierende Benutzeroberfläche.

Tom Cruise verkörpert das andere Extrem: eine leere Figur, die sich ständig Geschichten und Mythologien aneignet, seien es nun seine heterosexuellen Beziehungen mit Kolleginnen oder seine homophilen Übungen mit Samurais. Russell Crowe spielt den Konflikt zwischen diesen Modellen: Er war der Gladiator, die Kampfmaschine, die sich danach als zerrütteter Mathematiker (in "A Beautiful Mind") und als musizierender Seemann (in "Master and Commander") umständlich humanisierte.

Brad Pitt begann - im Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit - als Gespiele einer starken Frau: In "Thelma & Louise" hatte er nur eine Episode. Seine wichtigste Rolle spielte er aber später als Doppelgänger eines schwachen Mannes: In David Finchers "Fight Club" fochten Pitt und Edward Norton die Schizophrenie des modernen Mannes aus, der seinem Anforderungsprofil allein nicht mehr genügen kann. Er muss sich aufspalten, in einen wilden und in einen gezähmten Typ. Beide sind lächerlich, beide sind Produkte des Feminismus und des Kapitalismus gleichermaßen, beide existieren nicht aus sich heraus, sondern gehorchen einem Über-Ich von Leviathanschen Ausmaßen.

Brad Pitt nahm in "Fight Club" schon den Achilles vorweg, aber eben noch unter anderen Bedingungen. Terrorismus war damals noch eine Fantasie des gekränkten Individuums, hatte keine antimoderne Grundierung, sondern erschien als die neurotische Vollendung der Moderne. Brad Pitt und Edward Norton brachten die arbeitsteilige Gesellschaft auf ihren neuralgischen Punkt: Wenn ein Mann allein nicht mehr zu leisten vermag, was ihm abverlangt wird, dann explodiert er eben.

Das Aggressionspotenzial, das die ökonomisierten Neunzigerjahre aufgestaut haben, ist seither in die Komödie abgewandert. Ben Stiller, Jim Carrey, Adam Sandler sind die biegsamen Stehaufmännchen der Gegenwart, während die Unbeugsamen ihren Mann stehen, ohne genau zu wissen, wo eigentlich. Denn natürlich hat sich die innere Landkarte verändert. Sie ist größer geworden. Die Geopolitik ist zurückgekehrt. Troja liegt neben Somalia, weil Achilles mit der Leiche des Hektor das tut, was afrikanische Warlords mit amerikanischen Soldaten anstellen ließen: Sie verweigerten die letzte Ehre und fügten ihnen eine letzte Demütigung zu.

Im Film lässt sich Achilles aber schon in der Nacht nach dem Kampf umstimmen, und er liefert den Körper des Feindes aus. Die Faszination, die Feuerbestattungen auf Regisseur Wolfgang Petersen ausüben, verleiht Troja eine morbide Grundstimmung. Die kleinasiatische Wüste ist ein "quagmire", ein Morast für die moralischen Gewissheiten eines Kinopublikums, das in einem Krieg gegen den Terror lebt und hier den Krieg als Terror erlebt.

Brad Pitts körperlich hochgerüsteter Achilles muss ständig von seiner Ausnahmestellung absehen. Er vertritt die Werte einer Zivilisation, von der Homer noch nichts wusste. Er gibt sich als Löwe, aber er verhält sich wie in einem Zoo. Er ist der verfrühte und der verspätete Mann gleichzeitig: Als Sagenheld weiß er zu viel von den politischen Korrektheiten, mit denen in den Neunzigerjahren die gesellschaftlichen Unterschiede entschärft werden sollten. Als Star aber hat er zu wenig von der kulturellen Kompetenz, die einen modernen Helden erst auszeichnet. Er spielt einen Fremdkörper und wird damit zum Inbegriff eines "man of our times". (DER STANDARD, rondo/28/05/2004)