Graz - Fast klingt die These des Philosophen Frithjof Bergmann zu schön, um wahr zu sein: Ausgehend von Auswirkungen der Globalisierung - wie Einsparungen, Jobabbau und dem Phänomen von mehr Leistung für weniger Geld -, entwickelte er sein Konzept der "Neuen Arbeit": "Sinnliche Freude" am eigenen Schaffen und Unabhängigkeit durch Innovation.

Was sich Bergmann da ausdachte, ist keineswegs eine utopische Lebensform für eine Gesellschaft am Reißbrett. Bereits in den 80er-Jahren entstand in Flint in den USA das erste Zentrum für "Neue Arbeit" in Zusammenarbeit mit General Motors (GM), der Gewerkschaft von GM und der Handelskammer von Michigan. "Unsere Antwort auf Arbeitslosigkeit hat etwas Unternehmerisches und macht Arbeitslose nicht zu ewigen Almosenempfängern", erklärt der 1944 in Sachsen geborene Philosophieprofessor, den ein Begabtenstipendium mit 19 per Schiff in die USA brachte, dem STANDARD.

"High-Tech-Self-Providing"

Dabei sollen Menschen aus herkömmlichen Jobzwängen durch so genanntes "High-Tech-Self-Providing" befreit werden, ihre Erwerbstätigkeit kompetenter und selbstständiger werden, und durch die gewonnene Unabhängigkeit soll Zeit für jene Dinge übrig bleiben, die man will.

Mittlerweile gibt es auch in Deutschland, Indien, Indonesien und Südafrika rund 40 solcher Zentren, die im Wesentlichen wie Genossenschaften aufgebaut sind, wo den Mitgliedern so genannte "befreiende Technologie" zur Verfügung steht und man sich auch sozialversichern kann.

Furore in Südafrika

Bergmann glaubt, dass schon ein ganz normaler Laptop, kombiniert mit dem Internet, viel mehr kann, als die meisten Benützer vermuten. Etwa Briefmarken drucken, aber auch Möbel entwerfen und bauen oder Verpackungsmaterial aus "gebackener Kleie" produzieren. Mit seinen "mobilen Fabriken" hat Bergmann etwa mit der Herstellung von Wasserfiltern in Südafrika Furore gemacht. "Die Regierung hat hier kürzlich beschlossen, unser Konzept zur Zukunft Südafrikas zu machen".

Es gehe nicht um die finanzielle Bereicherung einzelner, sondern um umweltfreundliches und soziales Schaffen, das allen, auch den so genannten Entwicklungsländern, nutzen soll. Für den Einzelnen soll dabei Arbeit "keine milde Krankheit, die bis zum Wochenende vorübergeht" sein, sondern die Erkenntnis dessen, was man "wirklich, wirklich will" - denn: "Wir sind umzingelt von Möglichkeiten, die wir nicht sehen." (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Print, 28.5.2004)