Die Nebel lichten sich ein wenig, die Betroffenheit bleibt. Wie konnte es geschehen, dass inmitten einer funktionierenden oberösterreichischen Gemeinde ein 17-jähriges Mädchen an Hunger und Mangel stirbt und niemand etwas dagegen getan hat? Jede Antwort darauf ist unbefriedigend.

Katastrophe verhindern

Der einfache erste Reflex war und ist: Die Behörden hätten der Mutter das Kind wegnehmen müssen. Ein Arzt hätte die Katastrophe verhindern können. Das stimmt wohl, dennoch wird der Stab etwas vorschnell gebrochen. Die Mutter, gegen die inzwischen ja Ermittlungen laufen, hat noch vier weitere Kinder, und diese Buben haben sich augenscheinlich nicht in einer Zwangslage wie ihre Schwester befunden. Drei Burschen lebten bis zuletzt daheim, und sie scheinen Wege gefunden zu haben, mit der Vorstellungswelt ihrer Mutter zurechtzukommen.

Diese Überlegung darf nicht dazu führen, der 17-Jährigen gleich auch noch die Schuld am eigenen Tod zuzuschieben. Es wird jedoch deutlich, dass das einfache Vertrauen in staatliche Zwangsmaßnahmen nicht ausreicht, solchen Tragödien zu begegnen. Das Jugendamt, der Bürgermeister - sie haben ja nicht weggeschaut; es ist aber auch nicht so einfach, einer Mutter das Sorgerecht für ein Kind zu entziehen, wenn die Geschwister offenkundig keine Anzeichen nachhaltiger Schädigung zeigen. Und den Vater gibt es ja auch noch, auch wenn er anderswo lebt.

Ausgesprochen tiefe Religiosität ist ebenso wenig Kennzeichen der österreichischen Verhaltensnorm wie vegane Ernährung. Zwangsmaßnahmen sind deshalb nicht angebracht. Erst wenn die Überzeugung zum Wahn wird, wenn andere geschädigt werden, sieht's anders aus. Doch wann ist diese Grenze überschritten? Hinschauen und Courage zeigen kann helfen - wenn sich die Fassungslosigkeit eingestellt hat, ist es zu spät. (Otto Ranftl, DER STANDARD Printausgabe 28.5.2004)