Foto: Süddeutsche Bibliothek
Ein Angestellter sitzt in seiner Mietswohnung und lauscht und wartet. Juan Carlos Onettis Roman Das kurze Leben , 1950 zuerst in Buenos Aires erschienen, beginnt mit einer modernen, menschheitlich vertrauten Konstellation, dem einsamen Ich in seinem Interieur. Das Interieur, der Wohnraum, ist der Raum der Innerlichkeit, seine Wände bilden eine Schädeldecke. Doch diese Außengrenze des Ich ist porös geworden, durchlässig für kleinste Geräusche, für Wahnsinn.

Brausen, der täglich von Arbeitslosigkeit bedrohte Angestellte einer Werbeagentur, lauscht auf das Leben in der Nachbarzelle und beginnt mit diesem fremden Dasein zu verschmelzen. Neben ihm haust eine Prostituierte; Brausen legt sich einen neuen Namen zu, tut so, als käme er aus einem ganz anderen Viertel der großen Stadt Buenos Aires und wird Kunde der Frau.

Brausen ist allein, seine Frau kehrt von einer Brustkrebsoperation amputiert zurück und bleibt ihm seither fremd: In dieser Leere will er ein Drehbuch schreiben, von dem er sich Erlösung aus seiner Armut erhofft. Doch auch mit seinen Figuren verschmilzt der Mann mit den papierenen Ich-Wänden zusehends. Dann passiert ein Mord, die Hure aus der Nebenwohnung stirbt. Brausen kann nicht anders, als sich mit dem Mörder zu identifizieren. Die Geschehnisse nehmen die Brisanz eines Thrillers an.

Onettis Roman ist das vielleicht vollkommenste Erzählwerk dessen, was wir uns "klassische Moderne" zu nennen angewöhnt haben. Hier ist nichts mehr experimentell, sondern alles vollendetes Handwerk, glanzvoll beherrschte Technik. Die Struktur ist von kristalliner Folgerichtigkeit und trägt auf ihre Weise zu der rasanten Spannung bei, die das Buch entwickelt.

Spannend kann Literatur auf zwei Ebenen sein: auf der Ebene der Handlung wie der Form. Onettis Buch vereint beide Spannungsbögen, es hat die kriminalistische Ebene und die eines bis zum Schluss gewagten Denkspiels. Ich ist ein anderer; der Mörder ist Ich - oder ein anderer. Wo das Ich keine festen Grenzen mehr hat, werden die Dinge überdeutlich und bedrängend; von dieser Poesie lebt das Buch auf jeder Seite.

Juan Carlos Onetti (1909 bis 1994), der größte der südamerikanischen Erzähler, schrieb nicht jene tropenbunten, Rio-de-la-Plata-haft überfließenden Vollbarockbücher, welche die lateinamerikanische Literatur einem trivialen Geschmack populär gemacht haben. Er war Erbe Kafkas und Bruder Faulkners, sein Kurzes Leben bezeichnet die Höhe des zwanzigsten Jahrhunderts; nicht umsonst erschien es gleichzeitig mit den Romankathedralen Doderers und des jungen William Gaddis. Dieser Roman bleibt ein Maßstab aller nachfolgenden Literatur. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe, 29./30/31.5.2004)