Es gab nie einen Journalisten, außer dem vor einigen Tagen in Berlin verstorbenen Melvin Lasky (84), der in zwei Ländern, in zwei verschiedenen Sprachen das geistig-organisatorische Wunder - nämlich die Gründung und Leitung von zwei glänzenden Monatsschriften - vollbracht hätte.

Im Oktober 1948 erschien in Berlin zur Zeit der sowjetischen Blockade die erste Ausgabe der Zeitschrift "Der Monat" an den Zeitungskiosken. Michael Naumann, heute Herausgeber der "Zeit", schrieb einmal: "Es war, daran besteht kein Zweifel, eine antikommunistische Zeitschrift. Eines jedoch war sie nie: reaktionär, illiberal, unfair oder humorlos ..."

Der ehemalige amerikanische Besatzungssoldat Lasky entpuppte sich als begnadeter, unbestechlicher und unerschrockener Chefredakteur. Die Schriftsteller Ignazio Silone, George Orwell und Arthur Koestler gehörten ebenso zu den Autoren wie die Philosophen Bertrand Russel und Isaiah Berlin oder die Publizisten Fran¸cois Bondy, F. R. Allemann und Herbert Lüthy. Walter Laqueur nannte den Monat die "bedeutendste Zeitschrift Europas, ja wahrscheinlich der ganzen Welt".

Später übernahm Lasky für fast 30 Jahre die Chefredaktion der Londoner Encounter-Monatsschrift. Auch diese Publikation wurde eine wichtige Stimme im angelsächsischen kultur- und außenpolitischen Streitgespräch.

Erfolgreiche Bastionen der weltoffenen Denkfreiheit

Dass die beiden Zeitschriften, ebenso wie Forum in Wien und Preuves in Paris, zum Teil indirekt vom amerikanischen Geheimdienst finanziert wurden, war freilich - als die Finanzierungsquelle bekannt wurde - für viele Leser und Autoren ein Schock. Dass sie aber trotzdem noch jahrzehntelang erfolgreiche Bastionen der weltoffenen Denkfreiheit und des gesamteuropäischen Engagements geblieben sind, war auch ein Verdienst dieses unermüdlichen Weltbürgers.

Gerade jetzt in der Zeit der Trivialisierung und Banalisierung der Zeitungskultur von London bis Wien können wir aus der Erinnerung an Melvin Lasky, dieses Symbol verlegerischen und redaktionellen Mutes, neue Kraft schöpfen. (DER STANDARD; Printausgabe, 29./30./31.5.2004)