Wien - Vielleicht das Schönste bei Alfred Brendel: die Freude, die Behutsamkeit und die Sorgfalt, mit welcher der 73-Jährige sich jedem einzelnen Ton seines Konzertprogramms widmet, eine Freude, die nach außen strahlt und nach innen wärmt. Und Brendel gelingt in seinen Konzerten immer wieder das Kunststück, dass präziseste Kontrolle und rigideste gestalterische Akkuratesse mit einer größtmöglichen, also: kindlichen Lebendigkeit im wahrsten Sinne des Wortes Hand in Hand gehen, wenn er am Klavier Musik macht.


Understatement

Brendel widmet sich in seinem Spiel vor allem dem Kleinen: Knappe motivische Linien lässt er mit musikgärtnerischer Hingabe wachsen und blühen; einer unscheinbaren Begleitfigur der linken Hand (zweites Thema des Adagios von Mozarts Es-Dur-Sonate KV 282) kann er mehr Charakter injizieren als mancher andere der prägnantesten melodischen Linie. Die großen, die offensichtlichen Brüche, Rückungen und Überraschungseffekte eines Werkes hingegen behandelt der Wahlengländer gern mit interpretatorischem Understatement.

Beruhigend zu erleben, dass auch eine künstlerische Ausnahmeerscheinung wie Brendel seine Zeit braucht, um sich warm und frei zu spielen, um eine letzte Reserviertheit abzulegen.
Im dritten Satz von Mozarts B-Dur-Sonate KV 281 war's so weit: Und Brendel hob ab in eine andere Dimension, genialischer Spielwitz ward durchpulst von sinnlicher Gestaltungslust. Bei Schuberts Drei Klavierstücken D 946 hörte man dann überhaupt auf zu denken und zu analysieren: Da war einfach nur noch alles Musik, absolute Musik eigentlich, so perfekt, so sinnlich, so rein, dass selbst das Stück dahinter zu verschwinden schien.

Mit dem Denken begann man dann allerdings wieder bei Beethovens E-Dur-Sonate 109: Ob da nicht der erste Satz zu sehr in seinem temporären Irrsinn und seiner Tobsucht beschnitten, das Thema und auch die eine oder andere Variation des 3. Satzes mit allzu mädchenhafter Schwärmerei zugezuckert, der letzte schließlich seines Höhepunktes beraubt wurde?

Man könnte es so empfunden haben, und doch: egal. Nach tausend und tausend wundervollen Tönen füllten Applaus und Glück den Musikvereinssaal.

(DER STANDARD, Printausgabe vom 29./30./31.5.2004)