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Völkermarkt - Seltsam gekleidete Menschen gehen dieser Tage um in einer kleinen Stadt im Süden Kärntens. Die Männer tragen kurz geschorenes Haar, weiße Hemden, ärmellose Westen und schwarze Schuhe. Um den Hals haben sie ausnahmslos eine Fliege gebunden. Die Frauen tragen Hosenanzüge, manche haben sich Krawatten umgebunden. Ihr Treiben wird von schnurrbärtigen Herren in Dreireihern und weißen Handschuhen überwacht, die fremde Sprachen sprechen.

Seit 26. Mai ist das beschauliche Völkermarkt am Klopeiner See der Mittelpunkt der Billardwelt. Bis 5. Juni findet hier die Amateur-Europameisterschaft im Snooker statt. 132 Spieler aus 25 Nationen nehmen teil. Warum in Völkermarkt? "Erstens lebe ich hier", sagt Cheforganisator Clausdieter Franschitz, "zweitens ist das Umfeld einfach optimal." Mit einer kleinen Mannschaft von fünf Leuten hat der 42-jährige Bürokaufmann, der sich selbst einen "Missionar" nennt, das Turnier organisiert und administriert, er spielt sogar selber noch mit. "Ich ein ein Snookerfanatiker. Aber anders geht es nicht." In den letzten Jahren fand der Bewerb in Polen, Lettland und Ungarn statt. "Wir gehen ganz bewusst in diese Länder", sagt James Leacy, der Präsident der European Billard and Snooker Association: "Hier gibt es ein Potenzial, das Spiel bekannt zu machen."

Das Ende des 19. Jahrhunderts von britischen Kolonialoffizieren erfundene Snooker ist geprägt durch einen hohen technischen Schwierigkeitsgrad sowie eine stärkere Anforderung an strategische und taktische Fähigkeiten als das Poolspiel. In den Achtzigern machte die TV-Präsenz in Kabelsendern wie Skysports oder Eurosport die Billardvariante zum Massenphänomen. Wenn in Großbritannien ein WM-Endspiel übertragen wird, schalten mehr Leute ein als beim FA-Cupfinale.

Janie Watkins hat kein Problem mit Kleinstädten. Die drahtige Frau mit den großen Hornbrillen kommt selber aus einer. Llanelli heißt sie und ist "die Snookerhauptstadt der Welt". In Völkermarkt ist die Waliserin ("Unterstehen Sie sich und schreiben Engländerin hinein") als Berichterstatterin für das Internetportal globalsnookercentre.co.uk/ unterwegs, das größte seiner Art. Allein aus China greifen täglich vier Millionen Leute auf die Seite zu.

Als Watkins 1984, da war sie gerade 30, zum ersten Mal den Queue in die Hand nahm, galt Snooker als Männerdomäne. Wie Snooker überhaupt lange Zeit als Spiel der Halb-und Unterwelt wahrgenommen wurde. Die Krays, als berühmteste britische Gaunerbande der Sechziger längst in die Annalen der Popkultur eingegangen, waren leidenschaftliche Snookerspieler. "Für Frauen machte das die Sache nicht leichter. Aber irgendwann marschierten wir einfach in die Klubs und sagten: Da hängt das Bild von Queen Victoria. Daneben hängt Margaret Thatcher. Also lasst ihr uns jetzt spielen oder was", erzählt Watkins.

Hans Nirnberger kommt aus einer anderen Generation, er ist gerade erst 28 geworden und trotzdem schon vielfacher österreichischer Snooker-Staatsmeister. Früher fuhr der angehende Krankenpfleger in den Ferien nach Liverpool, um sich von lokalen Größen in die Feinheiten des Spiels einweisen zu lassen. Bei der EM will er "unter die ersten 32" kommen. Aber er ist auch so schon glücklich. "Eine EM in Österreich ist allein ein echter Wahnsinn." (Klaus Stimeder, DER STANDARD PRINTAUSGABE 1.6. 2004)