Bisweilen finden sich die bizarrsten und wahrsten Geschichten in den Nachrichtenkästchen der Zeitungen: Der Judas-Darsteller bei italienischen Passionsspielen etwa, der in seinem Eifer, einen Verräter zu mimen, nach Vorstellungsende tatsächlich tot am Baum hängt; Großwildjagden in den Vereinigten Staaten, denen neben den Gejagten üblicherweise zehn bis zwanzig Jäger durch verirrte Kugeln oder Erregungsherzinfarkte erliegen; eine südkoreanische Briefmarkenserie einer umstrittenen vogelbevölkerten Kleinstinsel, die zu groben diplomatischen Verstimmungen zwischen Seoul und Tokio und zur wechselseitigen Kriegstreiberei in nationalistischen Onlineforen führt: endlose Liste. Bisweilen aber steckt die ganze Scheußlichkeit der Neuen Ordnung, die, wie jede, immer im kleinen eigenen Selbst beginnt, in einer dieser Geschichten.

Gesunde Konkurrenz

Eine Teletextmeldung vom 21. April liefert ein Lehrbeispiel in Sachen zeitgenössischer Ethikette: Wer es schaffe, das Rauchen zumindest für einen Monat aufzugeben, kann gewinnen. Und zwar zweitausend Euro. Man muss bloß hinausziehen in eine Apotheke und sich in die Wettkampfliste eintragen lassen. Nach vier Wochen werden Namen aus dieser Liste gelost und die Gelosten angerufen, ob sie denn auch wirklich nicht geraucht hätten. Haben sie denn auch wirklich nicht geraucht, müssen sie den Beweis antreten: ein wenig Urin auf ein Teststäbchen, das Teststäbchen wandert zum Cotinintest (da hat man auch gleich ein Wort gelernt) und schon kann ein halbes oder ganzes Monatsgehalt gewonnen sein - oder zwei, drei Monatsgehälter, je nachdem.

In diesem Wettkampf geht es mitnichten um Gesundheit, sondern um direkten Zugriff aufs Leben.

In einer kurzen Rückblende befinden wir uns vor dem Supreme Court der Vereinigten Staaten. Ein Arbeiter, der von einem Subunternehmen zwanzig Jahre lang an eine Ölraffinerie verliehen wurde, bewarb sich, als eine Stelle frei wurde, direkt bei Chevron um ein reguläres Dienstverhältnis. In einer Eignungsuntersuchung wurde ihm eine Leberanomalie bescheinigt. Diese würde, Chevrons Ärzten zufolge, von den giftigen Dämpfen am Arbeitsplatz verschlimmert. Das Unternehmen entließ ihn, der Arbeiter klagte. Die erste Instanz gab ihm Recht: Er gefährde niemanden. Ja, sagte der Supreme Court 2002, aber das eigene Risiko genügt. Entlassung stattgegeben.

Das eigene Risiko ist dergestalt das Risiko des ökonomischen anderen. In dessen Sprache übersetzt, lautet der Urteilsspruch: In der Ölraffinerie kann dein Platz, wie übrigens jeder, sofort von einem anderen besetzt werden, du bleibst an deinem virtuell wunden Punkt vielleicht gesund und kannst anderswo effizienter eingesetzt werden.

Über die Zurüstung des Selbst, das keiner disziplinierenden Institutionen mehr bedarf, weil es Überwachung und Kontrolle in sich selbst versenkt, soll die Diktatur der Warenproduktion installiert werden. Je höher Aufopferungsbereitschaft, Verzicht, Stromlinienförmigkeit, kurz, die Vorwegnahme des Menschenchecks mit Zielpunkt Verwertbarkeit, desto höher notiert die Aktie Ich am Markt.

Gesundes Volk

Das Rauchen, dessen potenzielle Schädlichkeit ohnehin bekannt ist, ist bloß ein Steinchen in einem Mosaik. Endlich werden auch diesbezügliche Untersuchungen nationalsozialistischer Wissenschaft lesbar. Sie wurden, wie es heißt, nur nicht berücksichtigt, weil sie nationalsozialistisch waren. Dass gerade diese Studien vom Interesse absoluter Rassenhygiene geleitet waren, die ein rundum gesundes und unterwürfiges Volk durch Ausmerzung des krankgeschriebenen erst erzeugen sollte, ist zumindest interessant. Wer raucht, und sei's im Freien, schadet nicht nur sich selbst: Er oder sie schadet der Gemeinschaft. Indem man sich nicht selbst schaden darf, während einem und einer beinahe überall und ständig geschadet wird, wird man wettbewerbstauglich und fit fürs 21. Jahrhundert.

Die Richtung kann Widerspenstigen im Bedarfsfall gewiesen werden: Schäden und Deformationen sind immer dem Individuum anzukreiden. So bleiben die Körper Mittel zum Zweck der Ökonomie. Der Wettkampf, wer sich zum besseren und effizienteren Mittel umgestaltet, ist entfesselt: Sei es die verzweifelte Suche nach einem vorab getesteten Produkt, das den Karren der krisengebeutelten Musikindustrie mit Dreck aus dem Dreck ziehen soll; sei es die Umgestaltung der Universitäten in Ausbildungsstätten für die Wirtschaft; seien es Fitnessaktionen, welche die Grenzen des Marktes in Grenzen der Individuen umdeuten.

Das kleinbürgerliche Ressentiment gegen alles, was sich nicht lustvoll unterwirft, frohlockt: Wer zu dick ist, wer zu viel raucht, wer ungesund lebt, kurz, ein Risiko (für den anderen) darstellt, soll geschmalzene Privatversicherungsbeiträge bezahlen. Wer nichts zu verbergen und sich gut unter Kontrolle hat, soll sich nicht über die allerorts angebrachten Überwachungskameras beschweren, die übrigens mühelos auf Tabakrauch sensibilisiert werden können. Und so weiter.

"Dass es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der, nicht gelebt zu haben", schließt Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt". Am besten freilich ist, wenn die Staatssicherheit nicht in unauffälligen Autos vor der Wohnung, sondern im Selbst sitzt. Dann heißt die Parole immer noch schon wieder: Wachstum - Wohlstand - Stabilität, auch wenn es ringsum mitnichten danach aussieht.

Gesunder Lungenzug

Zu befürchten steht, dass es sich beim grenzübergreifenden Nichtrauchbewerb um eine Maßnahme zur Sicherung der Völkergesundheiten handelt. Der Widerspruch steckt nicht nur im Begriff des Volkes, der sowohl alle meint als auch nicht alle, nämlich nur die unteren Schichten. Dass Gesundheit kein Selbstzweck ist, wird spätestens dann klar, wenn man mit dem Fahrrad einen Radweg am Gürtel oder Donaukanal entlangfährt oder einfach nur einen Stadtspaziergang unternimmt.

Am Margaretengürtel etwa kümmert man sich rührend um die Gesundheit des jungen Volkes im zweiten Sinne: Inmitten zweier vierspuriger Straßen dürfen die Jungen in Käfigen Basketball und Fußball spielen. Gesünder wäre freilich, stiegen sie in die Straßenbahn, führen nach Neustift, Grinzing, Döbling oder Sievering, spazierten bis zum Waldrand und rauchten jeder und jede eine Schachtel filterloser Gauloises. Mit ganz tiefen Lungenzügen.

Ich jedenfalls erkläre mich schon heute mit dem oder der Ersten solidarisch, die oder der sich betrunken und gewohnheitsmäßig in einem irischen Pub eine Zigarette anzündet - und zu dreitausend Euro Strafe verdonnert wird. Vielleicht sollte die Siegerin oder der Sieger des österreichischen "Ich-rauche-nicht-im-Mai-2004" diesem zukünftig armen irischen Menschen die Siegesprämie spenden. Nur das mit den Bekehrten ist halt immer so eine Sache . . . (Der Standard, Printausgabe, 01.06.2004)