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Marcel Marceau lehrt nach wie vor in Paris die Grundlagen der Pantomime.

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Seit 1947 verkörpert er "Bip": der 81-jährige Pantomime Marcel Marceau.

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DER STANDARD besuchte den weltberühmten, mittlerweile 81-jährigen Pantomimen in Paris und beobachtete ihn bei der Arbeit mit seinen Schülern.


Bip ist ein Löwenbändiger, ein Straßenmusikant, ein Verliebter, ein gescheiterter Suizidant und ein Maskenfabrikant. Er trägt weiße Hosen, ein graues Jäckchen über einem gestreiften Shirt und weiße Schminke im Gesicht. So ist Bip zum pantomimischen Archetypen des in sein tückisches Alltagsleben verstrickten kleinen Mannes, zu einem Klassiker der kleinen Bühnenpsychologie geworden. Seit 1947 verkörpert der weltbekannte Pantomime Marcel Marceau, am 22. März 81 Jahre alt geworden, seine Lieblingsfigur. Im Juli dieses Jahres bricht der große alte Mann zu einer kleinen Tournee durch die deutschsprachigen Gebiete Europas auf, die ihn auch nach Wien bringen wird.

Begonnen hat Marceau, erzählt er dem STANDARD in Paris, wo er seit 1978 eine Pantomimenschule betreibt, bereits als Kind. Der kleine Marcel mit dem Familiennamen Mangel war ein großer Fan von Charlie Chaplin und verlieh seiner Begeisterung Ausdruck, indem er den großartigen "Tramp" imitierte: "Ich war bereits Pantomime, bevor ich noch wusste, dass es so etwas wie Pantomime überhaupt gibt."

1939 wurden die Elsässer von den Nationalsozialisten vertrieben. "Danach war Straßburg eine tote Stadt. Alle Elsässer mussten nach Südfrankreich gehen." Die Familie floh in die Dordogne, und Marcel begann in Limoges Kunst zu studieren. "Ich habe Probleme mit der Gestapo bekommen und konnte nicht in Limoges bleiben. Ein junger Mann aus meiner Familie, der in der Résistance war, sagte zu mir: Komm nach Paris, dort kann ich dich verstecken."

Sein Vater, der eine koschere Fleischerei betrieb, wurde 1944 verhaftet und in Auschwitz ermordet. Marcel musste seinen Namen ändern und schloss sich dem Widerstand an. "Ich entschied mich für Marceau nach einem General, der in den Revolutionskriegen am Rhein gekämpft hatte, und behielt den Namen anschließend als Erinnerung an meine Zeit in der Résistance."

Er lernte den Pantomimenlehrer Etienne Decroux kennen und begann seine Theaterausbildung. Nach dem Eintritt in die Armee gründete er eine Theatergruppe mit, die vor alliierten Truppen spielte. Nach der Demobilisierung kam Marceau zurück nach Paris an das Théâtre Sarah Bernhardt, das heutige Théâtre de la Ville, und schloss sich dem Ensemble von Madeleine Renaud und Louis Barrault an.

Zwei Jahre nach Kriegsende entstand die Figur des Bip, dessen Name laut Marceau eine Variation der Figur des Philip Pirrip, des Waisenkindes Pip aus Charles Dickens' Roman Große Erwartungen, ist. Von Pip hatte Chaplin 1921 den Protagonisten in The Kid abgeleitet. Bip ist eine zeitlos aufklärerische Figur, deren Wurzeln Marceau im griechischen Theater sieht, in der Commedia dell'Arte und in Don Quichotte, im romantischen weißen Pierrot des 19. Jahrhunderts, im japanischen Nô- und Kabuki-Theater und schließlich bei Chaplin und Buster Keaton. "In den 60er-Jahren schrieben alle französischen Zeitungen ,Bip, Bip, Bip, die ganze Welt erkennt dich!'", witzelt Marceau. "Ich dachte erst, so bekannt bin ich! Aber gemeint war der Sputnik: bip, bip . . ."

Keine Sprachbarrieren

"Pantomime", ruft der hagere alte Mann im kleinen Theatersaal seiner Ecole Internationale de Mimodrame de Paris Marcel Marceau, "ist nicht nur der Tanz des Körpers, sondern die Vereinigung zwischen Seele, Charakter und Körper. Es ist reiner Humanismus!"

Seit Jahrzehnten reist Marceau um die Welt und beglückt seine Zuschauer mit einem Körpertheater, das alle Sprachbarrieren überwindet. Er entwickelte Decroux' gestische Grammatik zu seiner eigenen weiter, gründete eine eigene Gruppe, wurde weltberühmt. Auch jetzt noch absolviert der Pantomime gut hundert Auftritte pro Jahr. Der Mann des "Theaters der Stille" hört zwar nicht mehr so gut, aber seine Konstitution ist erstaunlich. "Ich bin ein Botschafter des dritten Lebensabschnittes", sagt er. Als solcher will er unbedingt weiterarbeiten, "denn wenn ich nicht mehr spiele, verliere ich meine Energie". Er leistet Widerstand. Gegen das Alter, gegen das Gehässige in der Politik und auch gegen das Absterben seiner Kunst. Denn mittlerweile hat die Breitenwirkung der Pantomime nachgelassen.

"Die junge Generation kennt Marcel Marceau nicht mehr. Man kennt Filme, der Film kommt immer wieder. Das Theater vergeht - leider! Da muss man immer frisch anfangen." Also bricht er wieder auf, um sich einem neuen Publikum live vorzustellen.

Direktor und Legende

Von den elf Schülern des zweiten Jahrgangs, die in seiner Schule die Grundlagen der Pantomime zeigen, sind acht weiblich. Die jungen Leute bemühen sich, der Meister korrigiert mit energischen Eingriffen. Ein Mann präsentiert seine eigene kleine Kreation. Sie wirkt ein wenig unbeholfen, anachronistisch. Marceau strahlt Autorität aus. "Stärke" und "Treue zur Pantomime" fordert er. Werden die Schüler mit der gleichen Begeisterung wie der Meister in dessen Fußstapfen treten?

Marceau ist heute gleichermaßen Direktor und Ausstellungsstück in seinem Museum der Pantomime. Und Bip ist zeitlos: "Denn die Kunst überdauert die Zeit." (DER STANDARD, Printausgabe, 1.6.2004)