Man wusste, dass die Anschläge kommen würden, doch verhindern konnte man sie dennoch nicht: In Saudi-Arabien folgte zuletzt eine Terrorwarnung auf die andere, und dass die Geheimdienste durch Geschehnisse dieser Art nicht mehr überrascht werden, ist auch schon die einzige gute Nachricht.

Erschreckend

Die Massivität des Angriffs in Khobar ist erschreckend. Das war - wie auch zuletzt der Anschlag auf ein Gebäude der saudischen Sicherheitskräfte in Riad - keine "Hit and run"-Aktion und auch nicht die Tat eines fanatisierten Selbstmordattentäters, sondern eine wohl geplante Operation eines paramilitärischen Kommandos gegen strategische Ziele, nicht irgendwo in der Wüste, sondern mitten in einer belebten Stadt.

Zwar beruhigen Analysten, dass die Erschütterung der Ölmärkte nur kurzfristig sein wird, aber das Attentat war für Al-Kaida zweifellos dennoch "erfolgreich". Es erinnert daran, dass das vielleicht wichtigste Kriegsziel der USA bisher unerfüllt geblieben ist. Gerade weil die USA, nach 9/11 aufgeschreckt, wo die meisten Täter aus Saudi-Arabien stammten, eine Destabilisierung des Königreichs befürchteten, wollten sie sich mit dem Irak eine Alternative verschaffen. Aber der Irak - zumal die irakische Ölindustrie - bleibt aufgrund der Sicherheitssituation weit hinter den Erwartungen zurück.

Stabilität gefährdet

Gleichzeitig ist die Stabilität in Saudi-Arabien gerade durch den Irakkrieg und die völlig missglückte Transition danach gefährdet: Wie ja der Irak überhaupt Quell der Motivation für alle Djihadisten weltweit ist. Erst angesichts der Lage im Irak, wo sich die US-Armee aus manchen Städten zurückzuziehen beginnt, weil sie sie nicht kontrollieren kann, kommt es einem saudi-arabischen Kaida-Chef überhaupt in den Sinn, die Djihadisten im Königreich zum Guerillakampf aufzurufen.

Dabei war die Rechnung der USA ebenso schön wie einfach: Nach dem Irakkrieg könnte man die - bis zu dem Zeitpunkt für die Eindämmung des Irak gebrauchten - US-Truppen aus Saudi-Arabien herausholen und dadurch das saudische Königshaus, das für diese US-Präsenz immer wieder geprügelt wurde, entlasten. Gleichzeitig forderten die USA von den Saudis ganz massiv einen Strategiewechsel ein: Vorgehen gegen die islamistische Militanz, möglichst verbunden mit wenigstens einem Anschein von politischen Reformen im Königreich.

Bisher kein Sicherheitsgewinn

Alles das wurde erfüllt. Aber Sicherheitsgewinn hat es bisher keinen gebracht. Im Gegenteil. Auch wenn der Zeitpunkt bestimmt verfrüht ist: Zum ersten Mal gibt es Ängste und Fragen zur Sicherheit des saudi-arabischen Öls (wie ernst das die Saudis selbst nehmen, beweist die Tatsache, dass Ölminister Ali al-Naimi sofort in einer Beruhigungsaktion westliche Firmenvertreter um sich scharte). Die USA, die sich von ihrer "unmoralischen" Politik verabschieden wollten, das undemokratischste Regime in der Region, das saudische, unterstützen zu müssen, werden es mit allen Kräften halten, falls die Destabilisierung fortschreitet. Die Befreiung von den saudischen Fesseln durch den Irakkrieg ist gescheitert.

Machterhalt

Die politische Elite Saudi-Arabiens, bei der sich das Bewusstsein durchgesetzt hat, dass für sie nur durch Veränderung alles beim Alten - das heißt: Machterhalt - bleiben kann, ist indes in argen Schwierigkeiten. Mehr politische Partizipation für die Bürger Saudi-Arabiens einerseits, totale Marginalisierung eines Sektors der Gesellschaft - der Anhängerschaft des ideologischen Dunstkreises, aus dem Osama Bin Laden kommt -, das gleicht der Quadratur des Kreises. Dass die militärische Repression alleine nicht ausreicht, um das Phänomen in den Griff zu bekommen, das beweist der stetige Anstieg der Attentate im vergangenen Jahr.

Aber je prekärer die Sicherheitslage wird, desto mehr können die Saudis mit dem Verständnis ihrer US-Freunde dafür rechnen, dass man Prioritäten setzen muss. Diese Prioritäten - Sicherheit vor Menschenrechten - kennen die USA ja gut aus dem Irak. (DER STANDARD, Printausgabe 1.6.2004)