Wien - Bisher war die Epilepsie eine zum größten Teil nicht vorhersehbare Krankheit. Das betraf vor allem das Eintreten von Anfällen. Doch das könnte sich ändern. Wissenschafter arbeiten an "chaotischen" mathematischen Modellen, um eine Vorausberechnung zu ermöglichen, hieß es am Montag beim europäischen Epilepsie-Kongress im Austria Center Vienna.

"Laut eines neuen Ansatzes, der so genannten Neurodynamik, können EEG-Signale nicht als rein zufällig angesehen werden, sondern reflektieren verborgene dynamische Muster, die nicht mit traditionellen linearen Signalanalysen erkannt werden können", sagte Dr. Michel Baulac von der Universite VI in Paris im Rahmen des Chairman-Symposiums bei dem Kongress mit rund 3.000 Teilnehmern.

Modelle aus der Chaostheorie

Mit Hilfe von Modellen aus der Chaostheorie sollen deshalb neue Möglichkeiten entwickelt werden, epileptische Anfälle zu prognostizieren. Für Patienten, bei denen die Epilepsie nicht zu kontrollieren ist, sei diese Unvorhersagbarkeit ein Grund für das erhöhte Krankheitsrisiko und ein wichtiger Faktor, der die Lebensqualität einschränkt. Selbst kurzfristige Anfallsvorhersagen würden es erlauben, Präventionsmaßnahmen zur Verringerung des Anfallsrisiko zu ergreifen.

Entscheidend könnte das für die Entwicklung der so genannten tiefen Hirnstimulation sein. Dabei werden Elektroden in jene Gehirnregion gelegt, in denen Anfälle ihren Ursprung haben. Durch Stromimpulse soll die Ausbreitung der störenden Entladungen der Nervenzellen blockiert werden. In Zukunft soll es mit speziellen Geräten auch möglich werden, bei einem bevorstehenden Anfall kurzfristig lokal wirkende Medikamente zur Anfallshemmung im Gehirn abzugeben.

Voraussetzung dafür sind aber Methoden, die zur automatischen Erkennung einer Anfallsgefahr beitragen. - Ganz ähnlich wie implantierbare Defibrillatoren bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen.

Umbruch bei der Einteilung

Einen Umbruch könnte die Einteilung der verschiedenen Formen der Epilepsie erleben. Dies dürfte - so Dr. Jose M. Serratosa von einer Spezialklinik in Madrid - auf Grund neuer Erkenntnisse aus der Genetik erfolgen: "Mutationen in verschiedenen Genen können zu sehr ähnlichen Epilepsie-Formen führen. Die selbe Mutation kann zu unterschiedlichen Epilepsien führen."

Der deutsche Neurobiologe Univ.-Prof. Dr. Oliver Brüstle von der Universität Bonn setzt auf eine Stammzelltherapie zur Beherrschung der Epilepsie. Die Verabreichung von Nerven-Vorläuferzellen, die aus embryonalen Stammzellen gezüchtet werden, sollen in "epileptische" Gehirnregionen einwandern und die unkontrollierten Entladungen kontrollieren helfen. Brüstle konnte immerhin schon das Einwandern solcher Zellen am Tiermodell (Ratten) nachweisen. Diesen Strategien liegt das Konzept zu Grunde, dass es bei der Epilepsie zu einer Störung von Nervenzell-Netzwerken kommt, die durch neue Zellen stabilisiert werden könnten. (APA)