Wien - Die heimische E-Wirtschaft verlangt steuerliche Anreize für größere und Groß-Wasserkraftwerke und außerdem bei Umweltbestimmungen ein Investitionsklima, das die Errichtung neuer Anlagen rentabel macht. Angesichts des jährlich um zwei Prozent steigenden Stromverbrauchs seien neue Erzeugungseinheiten dringend nötig, doch fehle die langfristige Planbarkeit, beklagten am Dienstag Spitzenvertreter der Branche. Auch die Netzbetreiber würden einen sicheren Rahmen benötigen. Die Großhandelspreise für Strom würden künftig nachhaltig steigen, dies werde auch die Konsumenten treffen.

"Wir glauben an einen nachhaltigen Anstieg der Großhandelspreise für Strom. Hier haben wir noch nicht den Plafond", sagte der Präsident des Verbandes der Elektrizitätsunternehmen Österreichs (VEÖ), Verbund-Finanzvorstand Michael Pistauer, in einem Pressegespräch. Nach einem Rückgang im Zuge der Liberalisierung seien sie in Europa zwischen 2000 und 2003 im Base-Bereich um 100 Prozent gestiegen, im Peak-Bereich sogar um 150 Prozent. Heuer seien die Großhandelspreise im Zeitraum Jänner bis April um 28,5 (Base) bzw. 27,9 Prozent (Peak) über Vorjahr gelegen.

Kraftwerk Mellach fraglich

Dennoch lägen die Kosten eines modernen thermischen Kraftwerks noch immer über den Marktpreisen für Strom. Deshalb stehe es zum Beispiel "noch vollkommen in den Sternen", ob das vom Verbund geplante 800-MW-Gaskraftwerk Mellach südlich von Graz auch tatsächlich gebaut wird. Derzeit würden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dies nämlich nicht erlauben, so Pistauer.

Der über die Jahre im Schnitt um zwei Prozent wachsende Stromverbrauch in Österreich erfordere jedoch jährlich um 1,3 Mrd. Kilowattstunden (kWh) mehr, sagte Salzburg-AG-Vorstandssprecher Arno Gasteiger, der im Verband als Sprecher für die Versorgungssicherheit fungiert. Angesichts der langen Vorlaufzeit von fünf bis zehn Jahren für Großprojekte müssten diese rasch in Angriff genommen werden können, um eine drohende wachsende Strom-Importabhängigkeit zu vermeiden. Ziel müsse sein, dass Österreich bei seiner Stromversorgung "möglichst autark bleibt", unterstrich auch Pistauer.

Neues Blackout in Italien droht

Bei den Stromnetzen lebe Österreich noch immer von den Leitungen des "geschmähten" früheren Monopolsystems, sagte Tiwag-Vorstandschef Bruno Wallnöfer. Das neue System sei "viel anfälliger" und habe im Vorjahr "die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg" heraufbeschworen, erinnerte der VEÖ-Sprecher für Netztarif-Regulierung und Unbundling an den extrem trockenen Sommer mit Stromausfällen etwa in Italien und Skandinavien. Heuer verzeichne man in der Wasserkraft bisher ein Regeljahr, meinte dazu Verbund-Vorstand Pistauer, "doch sollte der Sommer wieder heiß und trocken sein, gibt es wieder ein Blackout in Italien".

Kritik an Energie-Control

Scharfe Kritik übte Tiwag-Chef Wallnöfer an der Energie-Control, die den "Kampf gegen die Netztarife" geradezu zu einem "Selbstzweck hochstilisiert" habe. Durch zwei Netztarif-Runden seien von der heimischen Regulierungsbehörde die Netzerlöse bereits um 10 Prozent vermindert worden, wodurch den Netzen Jahr für Jahr 250 Mio. Euro fehlen würden. Nun stehe zu befürchten, dass die E-Control in einer dritten Runde im Herbst oder zum Jahreswechsel 2004/05 erneut ein "phantasieloses Preis-Cutting" vornehmen wolle.

Neue EU-Richtlinie kostet ein Zehntel der Wasserkraft

Weiter im Steigen begriffen sind die Großhandelspreise für Strom in Zukunft - neben der zunehmenden Verknappung der Erzeugungskapazitäten in ganz Europa auch wegen kostenintensiver Auflagen aus verschiedenen Umwelt-Richtlinien, sagte VEÖ-Präsident Michael Pistauer am Dienstag. Allein durch die Umsetzung der EU-Wasserrahmen-Richtlinie drohe wegen der darin enthaltenen Umweltauflagen ein Zehntel der heimischen Wasserkraft-Erzeugung verloren zu gehen. Dies seien immerhin 4 Mrd. Kilowattstunden (kWh), warnte Salzburg-AG-Vorstand Arno Gasteiger in einem Pressegespräch am Dienstag. Dieses Volumen werde auch bei der CO2-Reduzierung laut Kyoto-Vereinbarung fehlen.

Kompensiert werden könnte der 10-prozentige Wasserkraft-Verlust entweder durch thermische oder Ökostromanlagen. Kalorisch erzeugt würde das Schließen der Lücke jedoch bis zu 2,7 Mio. t CO2 an jährlicher Mehrbelastung bedeuten, und beim Ökostrom drohe den Konsumenten eine massive Kostenbelastung von zumindest 100 oder 220 Mio. Euro im Jahr, je nachdem ob mit Kleinwasserkraft oder Windenergie kompensiert wird, rechnete Gasteiger vor. Bei Biomasse wären es 300 bis 500 Mio. Euro, bei Photovoltaik sogar bis zu 2 Mrd. Euro.

Anstieg um zwei Drittel in EU-25

Auch EU-weit würden die erforderlichen hohen Investitionen die Strompreise heben, sagte Pistauer. So sei für die EU-25 ein Verbrauchsanstieg um rund zwei Drittel von 2.890 Mrd. kWh im Jahr 2002 auf 4.490 Mrd. kWh im Jahr 2030 zu erwarten. Kalorische Energie werde dabei anteilsmäßig weiter leicht auf 57 Prozent zulegen, die Wasserkraft bei etwa 12 Prozent stagnieren und der Kernkraft-Anteil von 32 auf 17 Prozent zurückgehen, verwies Pistauer auf Eurelectric-Zahlen. Der Anteil Erneuerbarer Energien soll bis dahin von zuletzt 2,6 auf fast 14 Prozent klettern. Vor allem in den CEE-Staaten werde der Verbrauchszuwachs angesichts des wirtschaftlichen Aufholprozesses besonders hoch sein.

In Österreich müssten wegen des jährlich um rund zwei Prozent wachsenden Stromverbrauchs in den nächsten zehn Jahren rund 3.000 MW an neuer Kraftwerksleistung errichtet werden, sagte Gasteiger. Dies erfordere Investitionen von 3 bis 4 Mrd. Euro. In den EU-15 müssten bis zum Jahr 2030 für etwa 600 Mrd. Euro Kapazitäten von etwa 600.000 MW gebaut werden, die Hälfte davon zum Ersatz alter Anlagen. Zählt man noch den Bedarf in der Stromnetz-Infrastruktur hinzu, "kommen auf die europäische E-Wirtschaft Gesamtinvestitionen zwischen 1.100 und 1.300 Mrd. Euro zu", sagte Pistauer. Dies sei ohne investitionsfreundlicheres Klima und langfristig planbare Rahmenbedingungen nicht zu machen.

Vertrauen in Versorgungssicherheit sinkt

Die Sicherheit der heimischen Stromversorgung sehen derzeit 91 Prozent der Österreicher gewährleistet, hat eine vom Verband der Elektrizitätswerke Österreichs (VEÖ) beim Marktforschungsinstitut Gallup in Auftrag gegebene Befragung ergeben. Für die Zukunft sehen dies jedoch nur mehr 81 Prozent gegeben, immerhin 11 Prozent orten hier Defizite. Die Versorgungssicherheit rangiert bei den im März/April befragten Österreichern noch knapp vor einem möglichst niedrigen Preis und deutlich vor der Frage, woraus der Strom erzeugt wird. (APA)