Für die USA ist es bestimmt die unbequemere Wahl, aber für Ghazi Mashal Ajil al-Yawir, der erster Präsident des Irak nach Saddam Hussein werden soll, spricht so einiges: Vielleicht schafft er es ja, den irakischen Karren aus dem Dreck zu ziehen. Yawir hat als Stammesmitglied und enger Verwandter des Stammeschefs der Shammar automatisch etwa fünf Millionen Menschen hinter sich, eine gewaltige Hausmacht.

Im Norden haben die sunnitischen Shammar gute Verbindungen zu den Kurden, und im Süden sind Teile des Stammes, der auch in Saudi-Arabien, den Emiraten und im Jemen zuhause ist, schiitisch. Yawir pflegt zu erzählen, dass seine Mutter ihn immer Respekt vor allen Konfessionen, auch vor dem Christentum, gelehrt habe.

Der in Mossul geborene, 46-jährige Ghazi al-Yawir ist von Beruf Zivilingenieur, er studierte in Saudi-Arabien und in den USA (Georgetown) und arbeitete die letzten fünfzehn Jahre vor dem Fall Saddam Husseins in hoher Stellung (als Vizepräsident einer Technologiefirma) in Riad. Mit seiner Arbeit im Interimistischen Regierungsrat, dem er zuletzt nach der Ermordung von Izzedin Salim für kurze Zeit vorstand, versuchte der parteilose Yawir mit dem Klischee aufzuräumen, dass alle irakischen Sunniten dem Lager von Saddam Hussein angehörten.

Tatsächlich hatten Teile seines Stammes gerade in den Neunzigerjahren immer wieder Ärger mit dem irakischen Regime, allerdings nicht etwa aus ideologischen Gründen: Im Zuge der Stärkung seiner Klientel nahm Saddam Hussein verschiedentlich den Shammar Land weg, um es anderen zukommen zu lassen. Saddam Hussein war übrigens 1959 auf der Flucht nach seinem missglückten Attentat auf General Qassim bei den Shammar untergeschlüpft, bevor er nach Ägypten flüchtete.

Yawir, der immer in arabischer Kleidung unterwegs ist – so etwas hat es in der irakischen Politik lange nicht mehr gegeben – und sein Embonpoint mit einem gemütlichen Lächeln vor sich hin trägt, hat sich den amerikanischen Unmut zugezogen, als er das Vorgehen der US-Armee in Falluja (vor der Einigung zwischen Aufständischen und Besatzern) als "Genozid" bezeichnete. Damals drohte er auch mit dem Austritt aus dem Regierungsrat, den er jedoch aus seiner Kritik – "Wir haben versagt" – nicht aussparte.

In Interviews trommelt er regelmäßig die Meinung, dass der kommenden irakischen Übergangsregierung nichts weniger als die volle Souveränität zustehe. Die Forderung danach wiederholte er auch sofort am Dienstag, nachdem seine Ernennung bekannt wurde. Die Amerikaner hat er auch bereits davor gewarnt, ihre Super-Botschaft in einem der Paläste Saddam Hussein einzurichten: Das sei ein "Stich ins Auge" aller Iraker. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2004)