Wien/Kabul - Nach dem Mord an fünf ihrer Mitarbeiter werden möglicherweise nicht - wie in einer ersten Reaktion angekündigt - alle internationalen Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen (Medecins sans Frontieres, MSF) aus Afghanistan abgezogen. Nach dem Anschlag hatte die Organisation vorderhand ihre Hilfstätigkeit ausgesetzt. Nun soll überprüft werden, wo im Land eine Fortführung der Arbeit noch zu verantworten sei, sagte MSF-Sprecherin Gabriele Faber-Wiener.

Am Mittwoch waren in der nordwestafghanischen Provinz Badghis eine Belgierin, ein Niederländer, ein Norweger und zwei Afghanen getötet worden. Die radikalislamischen Taliban bekannten sich zu der Tat. Es war der schwerste Anschlag auf eine ausländische Hilfsorganisation in Afghanistan seit dem Sturz der Taliban Ende 2001.

"Verantwortungsvolle Entscheidung"

"Es handelt sich um eine sehr verantwortungsvoll zu treffende, weit reichende Entscheidung", erklärte Faber-Wiener. Darüber werde zurzeit in Europa genauso hitzig diskutiert wie in Afghanistan selbst. Allem Anschein nach könne eine Fortsetzung der Hilfsdienste mit Beteiligung internationaler Ärzte zumindest im Norden des Landes fortgesetzt werden. Im Süden sei die Situation hingegen wesentlich unsicherer. Aus der Provinz Badghis würden "ganz sicher" alle internationalen Mitarbeiter abgezogen. Insgesamt wurden bis zum Anschlag zirka 80 internationale Mitarbeiter von rund 1.400 Einheimischen unterstützt.

Zeitpläne des Abzuges der Österreicher

Entgegen früheren Informationen sei es auch nicht mehr sicher, ob alle derzeit fünf in Afghanistan stationierten Österreicher nach Wien ausgeflogen werden. Ein Mitarbeiter sei zurzeit im Norden stationiert und könnte unter Umständen bleiben. Auch weitere Modalitäten und Zeitpläne des Abzuges der Österreicher seien noch unbekannt.

Der Mord an den fünf Helfern betrifft aber nicht nur die Ärztegruppe selbst: Andere Hilfsorganisationen mussten am Mittwoch und Donnerstag ebenfalls die Sicherheitslage für ihre Mitarbeiter überprüfen:

Rotes Kreuz bleibt "bis auf Weiteres" im Land

Das Rote Kreuz wird "bis auf Weiteres" im Land bleiben. Das erklärte die österreichische Rotkreuz-Sprecherin Gabriela Hartig am Donnerstag. Afghanistan ist die weltweit zweitgrößte Operation der Organisation. Neben Kabul werde hauptsächlich der Norden betreut, außerdem sei man in größeren Städten wie Mazar-i-Sharif vertreten. Zurzeit sind keine Österreicher in Afghanistan tätig. 94 internationale Mitarbeiter arbeiten mit 1.200 einheimischen Angestellten zusammen.

Problematischer sieht Hartig die Situation im Süden des Landes. Er gelte als besonders gefährlich, daher gebe es dort auch keine fixe Vertretung. "Die Delegierten fliegen zu kurzen Einsätzen hin und bleiben auch nicht über Nacht", schilderte sie die Arbeitsweise des Roten Kreuzes in der Unruheregion. Die aktuelle Entwicklung bezeichnete Hartig als "tragisches, großes Drama für die Bevölkerung".

Hilfsorganisation Care

Ähnlich wie das Rote Kreuz will sich auch das UN-Kinderhilfswerk UNICEF nicht zurückziehen. Knapp 100 Mitarbeiter seien dort tätig. Es sei mit Blick auf die Sicherheit von Vorteil, dass die Mehrheit der Helfer einheimische Kräfte seien, erklärte eine Sprecherin in Köln.

Auch die Hilfsorganisation Care will keine Helfer abziehen, so eine deutsche Sprecherin. Derzeit gebe es unter den 700 Care-Mitarbeitern in Afghanistan zehn ausländische Helfer. Die Übrigen seien einheimische Kräfte. Zunächst würden die Care-Mitarbeiter weniger durch das Land reisen und besonders gefährliche Regionen möglichst meiden.

Caritas

Die Caritas sieht für ihre Mitarbeiter, die im Projekt "Solidarität gegen den Krieg - Hilfe für Afghanistan" in Kundus engagiert sind, keine Gefahr, erklärte Peter Quendler von der Kärntner Caritas. Die Stadt liegt in einer relativ sicheren Region.

Karzai: Sicherheitslage im Griff

Ungeachtet des tödlichen Überfalls versicherte unterdessen Staatspräsident Hamid Karzai, die Sicherheitslage im Griff zu haben. Afghanistan sei das sicherste Land in der Region, betonte er in einer Stellungnahme. Zugleich zeigte er sich sehr bestürzt über den Zwischenfall vom Mittwoch. Karzai räumte allerdings ein, dass es immer wieder Zwischenfälle gebe. Diese gäben jedoch keinen Anlass für einen permanenten Alarmzustand.

Die Vereinten Nationen forderten ihrerseits mehr ausländische Friedenssoldaten an, um die Sicherheitslage zu verbessern. In einer UN-Erklärung wurde der Überfall auf die Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" als vorsätzlicher, brutaler Anschlag verurteilt, der auf eine Verschlechterung der Sicherheit in den letzten Monaten hindeute. (APA/dpa/AP)