Washington - Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), bei der in 14 Ländern mehr als 60.000 Erwachsene befragt wurden, ist der Anteil der psychisch Kranken an der Gesamtbevölkerung in den USA am höchsten. 26,4 Prozent der Amerikaner leiden demnach unter einer oder mehreren psychischen Störungen, gefolgt von 20,5 Prozent in der Ukraine und 18,4 Prozent in Frankreich. Die wenigsten psychischen Krankheiten wurden in Nigeria (4,7 Prozent) und in Shanghai (4,3 Prozent) ermittelt.

Thema Angst

Am stärksten verbreitet sind laut der WHO-Studie Angst-Krankheiten: In fast allen Ländern wurden demnach Störungen wie Panikattacken oder Phobien am häufigsten genannt. In den USA zeigten sich mehr als 18 Prozent der Befragten davon betroffen. Eine Ausnahme bildete lediglich die Ukraine, wo Krankheiten mit Stimmungsschwankungen (manisch-depressive Verstimmungen) und Depressionen den ersten Platz einnahmen.

In drei der vier untersuchten Krankheits-Gruppen (Angst-Störungen, Stimmungs-Störungen und Störungen der Impuls-Kontrolle) hielten die USA den ersten Platz. Lediglich bei den Suchterkrankungen wurde in der Ukraine mit 6,4 Prozent ein höherer Wert genannt als in den USA (3,8 Prozent). Die Studie wurde im "Journal of the American Medical Association" publiziert.

Faktoren

Der hohe Anteil von psychischen Erkrankungen in den USA könnte auch damit zusammenhängen, dass das damit verbundene Stigma dort geringer sei als in anderen Ländern, erklärte Ronald Kessler, Professor an der Harvard Medical School in Boston und einer der Autoren der WHO-Studie. Zum offeneren Umgang könnten auch die in den Staaten stark verbreiteten Werbungen für Medikamente bei psychischen Erkrankungen beigetragen haben. Für den hohen Anteil von Angst-Störungen in den USA dürfte auch der hohe Leistungsdruck und die höhere Erwartungshaltung verantwortlich sein, was dann zu mehr Angst vor Versagen und zu Frustrationen führe.

Trotz der zunehmenden Bereitschaft über Krankheiten der Psyche zu sprechen, vermutet Kessler weiterhin eine Dunkelziffer in allen Ländern. Zum Vergleich: In Japan nannten nur 5,3 Prozent der Befragten eine Angst-Störung, obwohl dort weltweit am meisten Benzodiazepine (psychotrope Substanzen, die gegen Angstzustände eingesetzt werden) pro Kopf verschrieben würden. Offenbar scheuen sich die betroffenen Japaner, über ihre Angst zu sprechen.(APA)