Es sei ein gleich revolutionäres Ereignis wie die seinerzeitige Schließung des Fernsehsenders TWS; jetzt würden auch noch die letzten Löcher innerhalb der staatlichen Zensur über die landesweiten TV-Kanäle gestopft, meinte am Mittwoch der Generalsekretär des russischen Journalistenverbandes, Igor Jakowenko.

Grund der Entlassung ist laut Angaben des Senders eine Verletzung des Arbeitsvertrages, demzufolge der Moderator die Politik der Geschäftsleitung zu unterstützen habe.

Dem geht freilich ein Skandal voraus, der die Ausweitung der staatlichen Kontrolle über den öffentlichen Raum fortschreibt. Parfjonow hatte für sein beliebtes und mit kritischer journalistischer Haltung hervorstechendes Magazin ein Exklusivinterview mit Malika Jandarbijew im Programm. Es handelt sich um die Witwe von Selimchan Jandarbijew, jenem ehemaligen Tschetschenenführer, dem Moskau eine Schlüsselrolle bei der Finanzierung tschetschenischer Terroristen zuschreibt.

Agenten vor Gericht

Jandarbijew wurde am 13. Februar im Golfstaat Katar, wo er seit drei Jahren lebte, durch einen Sprengsatz unter seinem Jeep getötet. Mutmaßliche Täter sind zwei Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU, die gleich nach der Tat festgenommen wurden und derzeit in Katar vor Gericht stehen.

Nach Angaben der NTW-Geschäftsleitung war es denn auch der Geheimdienst, der keinen Bericht über die Causa Jandarbijew bis zum Abschluss des Prozesses gezeigt haben wollte. Als Parfjonow das Interview, das inhaltlich nichts Neues bietet, am Sonntag in Russlands Osten ausstrahlte, intervenierte die NTW-Spitze, unterband die Sendung für den westlichen Teil Russlands und strich das Magazin gleich als Ganzes.

Im heutigen Russland passiert so etwas nicht ohne Anweisung von oben. Die Präsidentschaft von Wladimir Putin ist gekennzeichnet von konsequentem Vorgehen gegen eine pluralistische Medienlandschaft, wobei die vernichtendsten Schläge im TV- Sektor erfolgten. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2004)