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Nikolai Ghiaurov als Philipp in Don Carlos

FOTO: APA/ WIENER STAATSOPER GMBH/REINHARD WERNER
Wien - Profunde und stimmlich nuancenfähige Möglichkeiten. Zudem eine Rollendurchdringung, die Bühnencharaktere packend zu zeichnen imstande ist - auch schon durch die Klangmodulation einzelner Töne. Das sind Elemente jener Opernträume, die wahr werden müssen, um einen glaubwürdigen Opernabend entstehen zu lassen.

Diese Anforderungen auf der Opernbühne zu vereinen war und ist zweifellos jedoch den wenigsten Sängern gegeben, wenngleich heutzutage eine Verschmelzung des Sängerischen und des Schauspielerischen nachdrücklicher - auch im Alltag - gefordert wird. Beim bulgarischen Sänger Nikolai Ghiaurov, der seit 1985 österreichischer Staatsbürger war, vereinten sich diese Aspekte allerdings auch zu "seiner Zeit" in einer bühnenwirksamen Art und Weise und ließen den etwas plakativen Spruch vom "König der Bässe" die Opernrunde machen.

Er meinte zwar, er sei einfach ein Bass. Aber das Urgewaltige seiner Stimme, das auch zu leichter Lyrik befähigt war, gehörte zum Kostbarsten, was Oper über viele Jahre zu bieten hatte. 1929 in Welingrad (Bulgarien) geboren, absolvierte Ghiaurov seine musikalische Ausbildung in Sofia sowie später am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau. Sein Bühnendebüt feierte der "basso cantante" 1956 als grotesker Musiklehrer Don Basilio in Rossinis Barbier von Sevilla. Ein Jahr später, 1957, trat er bereits zu Beginn der Ära Herbert von Karajans an der Wiener Staatsoper als Ramphis in Verdis Aida erstmals im Haus am Ring auf.

1958 gab er den Basilio, den Mephisto in Gounods Faust sowie den Pimen in Mussorgskis Boris Godunow am Moskauer Bolschoj-Theater - im gleichen Jahr debütierte Ghiaurov in Italien. 1965 feierte er schließlich seinen Einstand bei den Salzburger Festspielen unter der Leitung Karajans als Boris Godunow.

Und dies bedeutete seinen endgültigen Durchbruch in der Opernwelt. Seit damals gastierte Ghiaurov an den wichtigsten Opernhäusern der Welt, er war unter anderem auch als Ramphis in Verdis Aida dabei, als es galt, das Opernhaus in Houston 1987 zu eröffnen. Wien war er besonders verbunden: 1989 wurde er zum Ehrenmitglied der Staatsoper ernannt, noch 1997 feierte er als Don Basilio sein 40-Jahr-Jubiläum im Haus am Ring. Bei aller Vielseitigkeit - seine Glanzrollen waren Boris Godunow und Philipp II.

Dienstagnacht ist Nikolai Ghiaurov im italienischen Modena im Alter von 74 Jahren gestorben. (tos / DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2004)