. . . und anderen Krankheiten des Wiener Gesundheitssystems beikommen könnte: ergänzende Empfehlungen zu Werner Vogts "Gratis-Rezepten gegen den Pflegenotstand", anlässlich des jüngsten Pflegeskandals in Lainz.
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Der Leichenfund in Lainz führt es einmal mehr und drastisch vor Augen: Trotz aller Lippenbekenntnisse der Verantwortlichen wird mit den zu Pflegenden - wie auch mit dem Pflegepersonal - institutionell nicht pfleglich umgangen. Werner Vogt hat völlig Recht, wenn er die Strukturen des Gesundheitswesens als dringend reformbedürftig bezeichnet (STANDARD, 19. 5.). Zudem werden durch die Überalterung Europas zukünftig noch mehr Belastungen auf dieses System zukommen.

Einführung moderner Managementtechniken

Vor diesem Hintergrund erscheint die Einführung moderner Managementtechniken bei der Umsetzung entsprechender politischer Reformen dringend geboten. Jedoch können nicht alle in der Wirtschaft angewandten Methoden der Managementlehre für den Pflegebereich übernommen werden. Altruismus und Fürsorge lassen sich nicht in Computermodellen und auf Formularen abbilden. Daher ist der tägliche Papierkram zur Leistungserhebung, weil leistungshemmend, eher ungeeignet. Die Notwendigkeit, betriebswirtschaftliche mit sozialen Zielsetzungen zu verknüpfen, führt zu Konflikten, die besonders schwer lösbar sind, weil man die Wirkungen sozialen Verhaltens nicht eindeutig messen kann. (Zum Beispiel: Verbringt eine Mitarbeiterin eine halbe Nacht an einem Sterbebett, erfährt das niemand, die Umwelt erwartet nur vollen Arbeitseinsatz am nächsten Tag.)

Managementausbildung

Externe Unternehmensberater konzentrieren sich traditionell auf jene Bereiche, die zahlenmäßig erfassbar sind. Das Management von größeren Einheiten im Pflegesektor hat aber als Kernbereich - und das wird leider oft übersehen - Aufgaben des Personalleiters zu erfüllen. Neue Mitarbeiter/ innen sind zu rekrutieren, auszubilden, zu halten und zu motivieren. Gleichzeitig herrscht - unter anderem aus Kostengründen - prekäre Personalknappheit. Wird dafür genügend Professionalität aufgewendet? Sind die handelnden Manager/innen dafür geeignet und ausgebildet? Beides ist nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre zu bezweifeln. Faktoren wie geringe Managementkompetenz, schwere emotionale, körperliche und zeitliche Belastung, geringes Sozialprestige, wenig attraktive Entlohnung führen auf der individuellen Ebene leicht zu Burnout-Symptomen, was auf der Organisationsebene wiederum eine extrem hohe Fluktuationsrate zur Folge hat.

Arbeitspsychologische Betreuung

Manager/innen im Pflegebereich brauchen deshalb Hilfestellungen, damit sie Aufwendungen im Pflege- und Betreuungsprozess vor sich selbst und vor Beobachtern (Evaluatoren) rechtfertigen können. Das heißt: Zusätzlich zu bewährten Managementmethoden verlangt die Besonderheit dieses Sektors eine kontinuierliche arbeitspsychologische Betreuung.

Geeignete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation wären:
  • Professionalisierung der Personal-Suchstrategien;
  • Optimierung der Auswahl geeigneter Pflegemitarbeiter/ innen (auch im Fall von Umschulungen durch das AMS) zur Reduktion der Fluktuation und der Krankenstände (damit deutliche Minderung der Kosten aus Rekrutierung und Einschulung);
  • permanente arbeitspsychologische Betreuung und verpflichtende Supervision (Coaching) zur Reduktion der psychischen Belastung;
  • Abbau der Hierarchieebenen von derzeit bis zu neun (!) auf maximal drei bis vier und
  • organische Verkleinerung der Managementeinheiten auf Pavillongröße.

    Basis einer Versorgungsstruktur

    Wenn wir diese ebenfalls nicht kostenintensiven Maßnahmen noch zu der kostenfreien Rezeptur Werner Vogts hinzufügen, könnte - auf der Basis einer Versorgungsstruktur, die es dann gar nicht erst zulässt, dass Patienten einfach "verschwinden" - doch einiges herauskommen für unsere Omas, Opas und deren Angehörige - und später vielleicht auch für uns selbst. (Othmar E. Hill*, DER STANDARD Printausgabe 3.6.2004)