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Im Rausch von Wagners Modernität: Dirigent Christian Thielemann sucht bei "Tristan und Isolde" die Gefilde des Romantischen auf.

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... die sich vor der Musikgeschichte nicht zu verstecken braucht.


Es ist mittlerweile ein Zeichen von Renommee und Marktpotenz, wenn ein Künstler die Möglichkeit bekommt, mit einer Operngesamtaufnahme seine Möglichkeiten zu demonstrieren und zu dokumentieren. Dies Umfassende muss mittlerweile Arien-CDs weichen, häppchenweise werden die Opernklassiker serviert, zu lange braucht eine kostspielige Gesamtaufnahme, um sich zu rentieren. Auch mit "Minidramen" verhält es sich schwierig: Auch eine Gala-Duoformation wie Alfred Brendel und Matthias Goerne - mit ihren Winterreise-Ideen - wäre um ein Haar nicht auf CD gebannt worden. Wer also wie Christian Thielemann Tristan und Isolde auf den Markt bringen kann, schwebt karrieremäßig in Höhen, in denen er höchstens einem halben Dutzend Dirigentenkollegen begegnen kann. Die Höhen haben auch ihren Kraftpreis; Thielemann scheint ja zur Zeit eine gewisse Sprunghaftigkeit zu eigen zu sein. Die Salzburger Festspiele hat er mit Absagen in Besetzungsnöte gebracht; auch einer der Tristan-Vorstellungen an der Staatsoper blieb er fern. Nun hat er seinen Job an der Deutschen Oper Berlin vorzeitig beendet. Kürzlich hat er auch sein Mitwirken an einer Pariser Premiere abgesagt.

Das ist auffällig, bewegt sich aber noch in einem Bereich, der die Imagewerte Thielemanns paradoxerweise noch steigert - solange die Firma zu ihm hält. Die Deutsche Grammophon tut es, wollte einen Tristan von Thielemann im Katalog haben, obwohl es da auch von Karl Böhm und Carlos Kleiber etwas Tristaneskes gibt . . . Auch ein Thielemann kann wohl in Zeiten wie diesen jedoch nicht damit rechnen, die gewünschte Besetzung in einem Studio für die nötige Phase der Vorbereitung zu vereinen. Es ist also ein echtes Live-Dokument geworden, aufgenommen an der Wiener Staatsoper. Im Liveakt ist allerdings viel Wahrheit drin. Ein bisschen hat man bearbeitet, aber an sich hielt man sich an die fünfte Vorstellungen einer Aufführungs-Serie.

Man steht vor einem Monument aufgeladener Ekstatik: Ein Orchester im Wagner-Rausch, ein Dirigent, den die fiebrige Verzückung heimsucht. Im Orchestergraben brennt es; schon im flotten ersten Vorspiel ist gewaltige Dringlichkeit zugegen, jede Note ist aufgeladen, die Philharmoniker sind in Hochform. Natürlich geht es hier um einen pauschalen Energiefluss, den Thielemann glänzend steuert. Da geht manch modernes Detail verloren. Allein, der stürmisch-emphatische Zugriff hat Überzeugungskraft. Im Vokalen spiegelt sich die Qualität nur punktuell. Lyrisch tadellos, im Heldischen etwas begrenzt ist Thomas Moser als Tristan. Robert Holl (als Marke) pendelt zwischen Wehmut und Resignation und wirkt in Summe etwas schwerfällig. Deborah Voigt (als Isolde) ist souverän in der Höhe, verfügt über dramatische Durchschlagskraft und hebt sich mühelos über das Orchester. Der letzte Ton jedoch misslingt deutlich. Das ist der Preis der Live-Wahrheit. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2004)