Berlin - Als Funker gehörte Horst Wenzel zu den deutschen Weltkriegs-Teilnehmern, die als erste über die bevorstehende Alliierten-Landung informiert waren. "Wir wussten, dass in den letzten Maitagen oder in den ersten Junitagen etwas geschehen würde", erzählt der 84-Jährige, der heute in Berlin-Steglitz wohnt, im Rückblick der Nachrichtenagentur AFP.

Am 5. Juni 1944 gegen 21.00 Uhr entschlüsselte seine im nordfranzösischen Tourcoing stationierte Einheit eine Nachricht des Londoner Radiosenders BBC. Das Signal zum Losschlagen bestand aus Versen des Herbstgedichtes ("Chanson d'Automne") von Paul Verlaine, die seit dem 1. Juni verkürzt und nun erstmals in einer längeren Fassung durchgesagt wurden. "Wir haben daraufhin alle entsprechenden Stellen der deutschen Wehrmacht alarmiert", sagt Wenzel.

Landung stand unmittelbar bevor

Die Wehrmacht wusste nun, dass die Landung unmittelbar bevorstand; noch immer täuschte sie sich aber über den Ort des Großeinsatzes. Seit Monaten war die Militärführung in Berlin überzeugt, die Alliierten würden ihren Angriff weiter nordöstlich am Ärmelkanal, etwa zwischen Le Havre und Calais, starten. Er selbst habe daran nicht mehr geglaubt, sagt Wenzel: "Wir ahnten, dass es in der Normandie war."

Die Allierten hätten "oben bei Calais Ablenkungsmanöver gemacht, um uns in die Irre zu führen." Über die unmittelbar bevorstehende Landung gab es für Wenzel und seine Kameraden in der Nacht zum 6. Juni keinen Zweifel mehr. "Wir wussten hundertprozentig, dass das der Beginn der Offensive war", sagt der Ex-Funker. Das Wissen der deutschen Spione um die Signalwirkung des Verlaine-Gedichtes erwies sich als zutreffend. (Apa)