Paris - Für die einen ist es eine Gelegenheit, sich bei den Amerikanern für die Befreiung von den deutschen Nazi-Besatzern zu bedanken, für die anderen ist es ein Anlass, um gegen die Politik von US-Präsident George W. Bush im Irak zu protestieren. Teilnahmslos lassen die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie, die am Sonntag in der nordfranzösischen Region stattfinden, auf jeden Fall kaum jemand in Frankreich.

Großkundgebung für Samstag geplant

Etwa dreißig linksgerichtete politische Parteien und Menschenrechtsvereinigungen haben für Samstag zu einer Großkundgebung in Paris aufgerufen, um gegen die Zeremonien zu protestieren, zu denen Frankreichs Präsident Jacques Chirac außer Bush auch den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, den russischen Präsidenten Wladimir Putin und die englische Königin Elizabeth II. eingeladen hat. Die Demonstration soll in Paris stattfinden, da die Sicherheitskräfte alle Zufahrten zur Normandie dicht machen werden.

Einladungspolitik kritisiert

Besonders kritisch gegenüber den Feierlichkeiten zeigte sich Alain Krivine, Sprecher der trotzkistischen "Kommunistischen revolutionären Liga" (LCR). "Bush hätte nicht eingeladen werden sollen", betonte der Trotzkist und fügte hinzu: "Durch die Landung wollten die Amerikaner zwar einerseits die Nazis schlagen, allerdings wollten sie aber auch das, was sie die freie Welt nannten, gegenüber dem so genannten sowjetischen Totalitarismus verteidigen." Vom Gegenteil überzeugt erklärte sich dagegen der kommunistische Abgeordnete Maxime Gremetz (PCF). "Man muss Bush mit dem Respekt empfangen, der einem Staatschef gebührt, der ein Nachfahre unserer Befreier ist", so Gremetz.

Auch Grünen-Chef Gilles Lemaire bezeichnete Bushs Anwesenheit als "legitim", rief allerdings zu "massiven Demonstrationen" auf. Daher werden sich sowohl die Grünen als auch die radikalsozialistischen Regionalratsabgeordneten der PRG und die Linksnationalisten der "Republikanischen Bürgerbewegung" von Ex-Innenminister Jean-Pierre Chevenement in der Normandie an allen Gedenkfeiern außer an jenen beteiligen, an denen auch der US-Präsident teilnimmt.

Für Einstimmigkeit sorgte Lemaires Haltung allerdings selbst in den grünen Rängen nicht. "Man muss Bush als den Präsidenten des Landes empfangen, der Frankreich befreit hat", meinte etwa der deutsch-französische Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit (Grüne) und fügte hinzu: "Das ist nicht der richtige Augenblick für Protestkundgebungen."

Völlig unkritisch gaben sich im linken Lager die Sozialisten (PS), zumindest in der offiziellen Parteilinie. "Wir haben gemeinsame Werte und eine lange Freundschaft mit den Vereinigten Staaten, und man darf vor allem nicht glauben, dass Bush Amerika ist", betonte der PS-Beauftragte für internationale Fragen und ehemalige Europaminister Pierre Moscovici.

Daher verurteilen die Sozialisten zwar den Irak-Krieg und die alliierte "Besatzung" dieses Landes, allerdings rufen sie nicht dazu auf, sich an der Pariser Demonstration am Samstag zu beteiligen. Dies hinderte allerdings gewisse Sozialisten wie die PS-Angeordnete Pauline Guinchard-Kunstler nicht daran, eine entgegengesetzte Haltung einzunehmen. "Natürlich werde ich demonstrieren, ich schreibe Bush absolut keine Legitimität zu", so die Sozialistin. (APA)