Ausgehend von Deutschland startet auch in Österreich eine Jagd auf Sparkunden, die sich mit den von vielen Großbanken gebotenen Mini-Zinsen nicht mehr abfinden wollen. Als nach eigenen Angaben "erste echte Direktbank" ohne Filialnetz im Hintergrund ist vor vier Wochen die deutsche ING DiBa , Europas größte Direktbank, als neuer Player in Österreich eingestiegen. Sie will hierzulande binnen fünf Jahren ihre Kundenzahl von derzeit rund 50.000 auf 250.000 verfünffachen. Das Potenzial für Direktbankkunden in Österreich beziffert eine von ING Diba in Auftrag gegebene Studie jenseits der 1,4-Millionen-Schwelle bis zum Jahr 2012.

Vergleich

Zum Vergleich: Der heimische Bank-Branchenprimus Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) kommt zur Zeit insgesamt auf 1,8 Millionen Privatkunden in Österreich.

Dass ein Drittel aller heimischen Bankkunden schon einmal seine Bank gewechselt hat und auch sonst zufriedene Kunden in Umfragen an den etablierten Banken am häufigsten die dort gebotenen Konditionen bekritteln, eröffnet nach Meinung der Studienautoren ein weites Feld für Direktbanken. "Der österreichische Markt ist ein echter Rohdiamant, den es zu fassen gilt", sagte am Donnerstag Klaus Oskar Schmidt, Vorstand der DiBA in Frankfurt, bei einer Pressekonferenz in Wien.

Bank ohne Filialen

"Wir sind eine Bank ohne Filialen, ohne dahinter liegenden Kosten, und wir geben diese Kostenvorteile einfach weiter, ohne Haken und Ösen." So bringe das auch in Österreich jetzt eingeführte Sparprodukt "Direkt Sparen" 2,5 Prozent Zinsen p.a. - ohne jede weitere Gebühr, täglich fällig, ohne feste Laufzeiten und "ab dem ersten Euro." Das ist 20 mal so viel wie etwa der Branchenprimus im Land für täglich fällige Einlagen auszahlt.

Die Echte

Die ING DiBa sieht sich in Österreich als die bisher einzige echte Direktbank. Die easybank der BAWAG wird von ihr als "unechte Direktbank" gesehen, da dahinter eine Filialstruktur stehe. Ob angesichts so hoch eingeschätzter Marktpotenziale hierzulande auch österreichische Banken den Weg wählen oder weitere Ausländer mit ähnlichen Konditionen in Österreich zu grasen beginnen, wagt Schmidt nicht zu beurteilen. "Wettbewerb ist immer wichtig." Angeboten werden über Internet, Telefon, Brief oder Fax einfache Spar- und Kreditprodukte. In Deutschland wird auch ein Girokonto angeboten, das sei "in Österreich überhaupt nicht geplant", sagte der ING DiBa-Vorstand. Dafür haben die Kunden ihre Hauptbanken, wo freilich die Kosten des Zahlungsverkehrs anfallen.

"Jenen Banken, die ihre Kunden mit ihren Konditionen nicht mehr überzeugen können"

Wem man in Österreich vorrangig Sparkunden abjagen will? "Jenen Banken, die ihre Kunden mit ihren Konditionen nicht mehr überzeugen können", sagt Direktbanken-Studienautor Otto Lucius. "Klar, dass sich hier ein neues Feld im Wettbewerb auftut. Aber Konditionenwettbewerb ist in Österreich ja nichts Neues", sagt Lucius, Geschäftsführer der Bankwissenschaftlichen Gesellschaft.

Lucius sieht nach einer Umfrage unter 1.000 Österreichern zwischen 16 und 70 Jahren ein "realistisches Potenzial" von 1,43 Millionen Kunden für Direktbanken. Aktuell greifen in Österreich erst 170.000 Kunden auf Direktbankangebote zu. Dieser Markt stecke damit hierzulande noch in den "Kinderschuhen", meint Lucius. Heute sei man in Österreich erst dort, wo Deutschland 1997 war. In drei Jahren aber sollte sich die Zahl der heimischen Direktbankkunden auf 550.000 mehr als verdreifachen.

Reifer

Der deutsche Markt wird mit aktuell bereits 12 Prozent aktiven Direktbankkunden schon "reifer", befindet die Studie. Die DiBa ist heute mit fast 4 Millionen Kunden Europas größte Direktbank. In den letzten 12 Monaten wurden die Kundenzahlen verdoppelt. Auf die DiBa entfallen 44 Prozent des Direktbank-Zweigs der niederländischen Konzernmuttergesellschaft ING Group. In Deutschland habe man so viele Kunden wie die neun größten Mitbewerber im Direktbanking zusammen. Und mit der Kundenzahl habe man schon so namhafte Filialbanken wie die HypoVereinsbank (HVB) überholt, freuen sich die deutschen Direktbanker.

Vollzogen wurde der DiBa-Start in Österreich durch die Übernahme der Entrium Direktbank in Linz (ehemals Quelle-Bank). Mit rund 50 Mitarbeitern werden rund 50.000 Kunden betreut. Zur Beratung bedient man sich eines Call-Centers. Seit dem Vollstart am 4. Mai sind 2.000 neue Sparkunden dazugekommen. Als neuer General-Manager der ING DiBa Direktbank Austria ist seit 1. Juni Heinz Stiastny (zuletzt bei Raiffeisen) im Amt. (APA)