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Weiterhin Spekulationen über die Nachfolge des Präsidenten der EU-Kommission, Romano Prodi. Laut "Financial Times" ist Javier Solana ("Mr. Außenpolitik" der Union, Ex-Generalsekretär der Nato, Ex-Außenminister von Spanien) der aussichtsreichste Kandidat.

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Brüssel/Berlin/Wien – Immer dichtere Reise- und Telefondiplomatie zeugen zwei Wochen vor dem EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs der Union in Brüssel davon, dass die Suche nach einem Nachfolger für den EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi ins Finale geht: Der Ratsvorsitzende, Irlands Regierungschef Bertie Ahern, etwa war in London und Brüssel, um gleich nach Berlin weiterzureisen. Großbritanniens Premier Tony Blair wiederum empfing seinen spanischen Amtskollegen José Luis Rodríguez Zapatero.

Die britische Financial Times ist sich jetzt ganz sicher: Blair und Zapatero bauen den außenpolitischen Beauftragten der EU, Javier Solana, als aussichtsreichen Kandidaten für die Prodi-Ablöse auf. Eigentlich galt Solana als Fixstarter für den neuen Posten des EU-Außenministers – London und Madrid sollen aber umgedacht haben, um einen anderen Favoriten zu verhindern: Belgiens Premier Guy Verhofstadt. Der wird von Frankreich unterstützt, gilt den Briten aber als zu EU-integrationistisch. Vor allem hatte sich Verhofstadt mit seiner Initiative für eine eigene, Nato- unabhängige europäische Militärallianz mit eigenem Hauptquartier heftigen Unmut der USA zugezogen.

Daran konnte auch ein Treffen Verhofstadts mit Blair in der Vorwoche wenig ändern. 3. Spalte Auch Solana hat ein Handicap: Der ehemalige Nato-Generalsekretär ist Sozialist – die Mehrheit der Regierungen der EU-Staaten sind allerdings Mitte-rechts. Zudem soll nach der inoffiziellen EU-Logik dem Linken Prodi ein Konservativer nachfolgen. Ferner war Solana nie Regierungschef – ein Argument, das auch gegen den hoch gehandelten irischen EU-Parlamentspräsidenten Pat Cox spricht. Oder gegen Agrarkommissar Franz Fischler, der Donnerstagnacht erstmals erklärt hatte, er würde das Amt nicht ablehnen. Aber Solana hat das absolute Vertrauen der meisten EU-Regierungschefs, und er hätte bereits 1999 statt Prodi EU-Kommissionschef werden können, war damals aber als Nato-Generalsekretär wegen des Kosovo-Krieges unabkömmlich.

Wolfgang Schüssel hingegen ist Regierungschef – aber Frankreich hat ihm Schwarz-Blau nie verziehen. Daher tippen manche darauf, dass beim EU-Gipfel ein Überraschungskandidat auftaucht: der Kandidatensucher Ahern selber, sollte es zu einem Patt etwa zwischen Solana und Verhof^stadt kommen.

Mit Guy Verhofstadt könnten der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder und Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac gut leben. Aber Deutschland ist nach Einschätzung aus deutschen Regierungskreisen in der Frage des Kommissionspräsidenten eigentlich leidenschaftslos. Schröder will einen Superkommissar für Industrie und Innovation im Range eines Vizepräsidenten durchbringen, wofür EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen (SPD) ein Kandidat ist.

Deutschland wird die Forderung nach einem Superkommissar als Bedingung für die Unterstützung des künftigen Kommissionspräsidenten machen. Da in Berlin die Einschätzung vorherrscht, dass zwei Deutschsprachige an der Spitze der Kommission von anderen Ländern als Zumutung betrachtet werden würde, kann Wolfgang Schüssel nicht Schröders Kandidat sein. Aber man würde Schüssel auch nicht blockieren, heißt es in Berlin – mit dem Zusatz, dass dies ohnehin wohl Paris tun würde.

Laut Kim Darroch, Generaldirektor für EU-Fragen im britischen Außenministerium, wird es beim Gipfel in Brüssel in zwei Wochen wohl einen "Last-Minute-Kompromiss" geben. Ahern, so Darroch am Donnerstag bei seinem Wien-Besuch, sei nach seiner Tour de Capitale der Einzige, der die Positionen aller Mitgliedstaaten kenne. (afs, eli, pra, tom/DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2004)