Die Nerven des russischen Finanzministers müsste man haben, denkt sich so mancher Anleger. Im Einbruch des russischen Aktienmarktes seit dem 12. April sieht Alexej Kudrin nichts Dramatisches: "Das sind objektive Prozesse", meinte er.

Bei den Anlegern hingegen herrscht schon eineinhalb Monate lang Panik. Seit der russische Leitindex RTS, der zu zwei Dritteln aus Rohstoffwerten besteht, am 12. April mit 785,52 Punkten seinen historischen Rekord erzielte, landete er mittlerweile am Dienstag bei 557 Punkten. Somit hat er in eineinhalb Monaten mehr verloren, als er in dreieinhalb Monaten seit Jahresbeginn zugelegt hatte.

Russland bewegt sich gemäß der Tendenz in anderen Schwellenländern, übertrifft diese jedoch in der Negativkurve. Verantwortlich dafür sind allgemeine wie auch Russland-spezifische Gründe. Seit zweieinhalb Jahren übersteigen die Gewinne in Schwellenländern mit ihren beeindruckenden Wachstumsraten (Russland: sieben bis acht Prozent) jene in Europa und den USA deutlich.

Attraktiv wurden Investments zudem durch niedrige Zinssätze in den entwickelten Staaten. So wurde auch der russische Aktienmarkt zum Eldorado für Anleger und besonders für Spekulanten. Mit der Ankündigung einer möglichen Zinserhöhung in den USA jedoch wurde plötzlich der Liquiditätszufluss gestoppt, und die Gewinne wurden realisiert. Ziemlich einhellig sehen russische Analysten in der Antizipation einer Zinswende den Hauptgrund für den Kursverfall.

Steuernachforderung

Dazu kommen russische Spezifika - und hier vor allem die seitens der Staatsmacht drohende Zerschlagung des an sich kerngesunden Ölkonzerns Yukos. Seit Wochen macht dieser eine beispiellose Entwertung durch. Die gerichtlich bestätigte Steuernachforderung von 2,8 Mrd. Euro und die Yukos-Meldung eines möglichen Bankrotts bis Jahresende schickten Ende Mai den RTS-Index, der sich zuvor leicht erholt hatte, erneut auf Talfahrt.

Auf den vorläufigen Tiefpunkt von 557 Punkten mitgerissen wurde der RTS schließlich am Dienstag, als ein Schiedsgericht die im Vorjahr für die Fusion mit der Ölfirma Sibneft getätigte Emission von Yukos-Aktien für nichtig erklärte. Der Yukos-Kurs brach daraufhin um elf Prozent ein.

Causa Yukos belastet

Die Unklarheit über die weitere Entwicklung der Causa Yukos wurde zum dominierenden inländischen Faktor für die Börse. Das uneindeutige Verhältnis des Staates und seiner Justiz zum Business brachte es mit sich, dass jeder Informationsbrocken über etwaige Reprivatisierungen oder Besitzumverteilungen übermäßig stark auf dem angespannten Aktienmarkt ins Gewicht fällt.

Dies stellt derzeit selbst andere Unsicherheitsfaktoren - zu erwartende Steueranhebungen im Rohstoffsektor oder das gedrosselte Wirtschaftswachstum in China, was russischen Rohstofftiteln zusetzt - in den Schatten. Es verhüllt aber auch Russlands an sich gute makroökonomische Daten (prognostiziertes Wirtschaftswachstum 2004: sieben Prozent) und die vorteilhaft hohen Ölpreise.

Alles in allem bewerten Analysten die Reaktionen der Anleger als zu nervös. Ein weiteres Fallen der Kurse wird zwar nicht ausgeschlossen - viele Experten gehen aber von einer neuerlichen Erholung aus, da die Aktien derzeit deutlich unterbewertet sind. (DER STANDARD Printausgabe, 04.06.2004)