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Foto: EPA/Abedin Taherkenareh
Dass Gholam Ali Hadad Adel heute das Amt des iranischen Parlamentspräsidenten bekleidet, kann man getrost als eine der vielen Widersprüchlichkeiten der Islamischen Republik betrachten: Ausgerechnet jetzt, wo sich nach der Wahlniederlage der Reformer das Parlament wieder fest in konservativer Hand befindet, sitzt erstmals seit der Revolution ein Nichtmullah auf diesem Posten.

Der ehrgeizige 49-Jährige hat damit dank Wächterrat, der im Februar Hunderten Liberalen die Kandidatur zu den Parlamentswahlen untersagt hatte, einen unverhofften Karrieresprung gemacht: Seit Jahren, heißt es, spekulierte er auf einen Ministerposten, brachte es aber nur zum Vize-Erziehungsminister.

Manche sagen, es lag daran, dass er sich während der Schah-Zeit mehr für Kunst und Kultur als für Religion interessierte. Bevor er nach der Revolution in Philosophie promovierte, hatte er gewisse Beziehungen zum Büro der damaligen Kaiserin - darüber spricht man natürlich jetzt nicht mehr. Hadad Adels Karriere begann, als sein Bruder im Krieg gegen den Irak fiel. Danach gehörte er zur Familie der Märtyrer - was eine gewisse Immunität mit sich bringt. Mit seiner Frau, mit der er drei Kinder hat, begründete er eine der ersten erfolgreichen Privatschulen in Teheran. Dass seine Tochter mit einem Sohn des religiösen Führers Ayatollah Khamenei verheiratet ist, will Hadad Adel nicht als Bonus sehen.

Auch seinen Einzug ins alte Parlament vor vier Jahren verdankte er übrigens dem Wächterrat: Damals landete er auf einem chancenlosen Platz 37 (übrigens mit genau so vielen oder so wenigen Stimmen wie diesmal, und dass das für den Platz eins reichte, sagt alles über die Wahlen im Februar). Zwischen ihm und dem 30., der noch ins Parlament kommen sollte, lagen eine Million Stimmen. Dann erklärte der Wächterrat mehrere Wahlkreise - und damit eine Million Stimmen - für ungültig, und schon war Hadad Adel drinnen. Die Reformer protestierten vergeblich.

Als Fraktionschef der Minderheitsfraktion im alten iranischen Parlament war er dadurch aufgefallen, dass er nie auffiel. Das änderte sich schlagartig nach den Wahlen: Seine lauten Proteste gegen die Vorwürfe der Reformer, dass seine Wahl eine Farce sei, lösten im Parlament Heiterkeit aus. Ebenso sein erstes Interview, in dem er ankündigte, dass er und seine Weggefährten den Iran zu einem "islamischen Japan" machen wollen.

Ein Journalist machte ihn darauf aufmerksam, dass Japan enge Beziehungen zu den USA habe: Ob das mit seinen Idealen vereinbar sei? Am nächsten Tag krebste er in den konservativen Zeitungen zurück: Nur der Wohlstand Japans sei nachahmenswert. Immerhin, im neuen Parlament sind pragmatische Ansätze zu beobachten. (Amir Loghmany/DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2004)