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Unfalltote in Europa

Grafik: APA/ Standard

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Treppen, Teppiche und Stöckelschuhe können schnell zur Stolperfalle werden

Foto: APA/ Chris Kleponis
In Österreich werden jährlich 800.000 Menschen bei Unfällen verletzt, die Folgekosten betragen vier Milliarden Euro. Schon einfache Gegenmaßnahmen könnten die Zahl der Unfälle reduzieren. Oft werden aber auch Misshandlungen als Unfälle "getarnt".

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Wien - Rasende Autolenker, zündelnde Kinder, unfaire Sportler, rempelnde Passanten und die eigene Unachtsamkeit - in Österreich werden pro Jahr 800.000 Menschen bei Unfällen verletzt, drei Viertel davon abseits des Straßenverkehrs und des Arbeitsplatzes. 2600 Personen sterben jährlich durch Unfälle. Auch die Folgekosten sind enorm: Unfälle belasteten das Gesundheitswesen 2003 mit rund vier Milliarden Euro.

Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (VP) will innerhalb der kommenden zehn Jahre die Zahl der tödlichen Unfälle zumindest um ein Viertel reduzieren. Wie, das ist Thema der am Sonntag in Wien beginnenden WHO-Welt-Sicherheitskonferenz "Safety 2004". Die dreitätige Konferenz im Wiener Austria Center wird vom Institut Sicher leben organisiert.

Maßnahmen zur Verletzungsverhütung können in jedem Lebensbereich gesetzt werden. "Würden in den österreichischen Haushalten ausschließlich moderne Leitern zum Einsatz kommen und nicht Tische oder Sessel als Aufstiegshilfe verwendet werden, könnte das bis zu 2000 Spitalsbehandlungen pro Jahr unnötig machen. Und eine konsequente Kontrolle der Skibindungen würde jährlich 11.000 spitalsreife Verletzungen verhindern", meinte Rauch-Kallat. "Mir selbst hat ein 60-Meter-Sprint ohne Aufwärmen einmal einen Sehnenriss eingebracht", erzählte die Gesundheitsministerin.

Immer noch seien es die Haushaltsunfälle, vor allem jene von älteren Menschen, die die meisten Kosten verursachten. Dabei gehe es um Stürze über Bodenschwellen oder Teppiche genauso wie um Unfälle in der Badewanne.

Vertuschte Gewalt

Nicht jeder Unfall ist aber auch tatsächlich ein Unfall. Vor allem im familiären Bereich rühren Verletzungen in Wahrheit oft von Misshandlungen her, die aber aus Scham oder Angst von den Opfern verschwiegen wird. 2620 Gewaltopfer, vor allem Frauen und Kinder, suchten vergangenes Jahr Schutz in Österreichs Frauenhäusern, 2047 nahmen deren ambulante Hilfe in Anspruch, 8111 holten sich telefonischen Rat.

Gewaltprävention ist ebenfalls ein vorrangiges Thema der bevorstehenden Konferenz. Unter anderem wird eine Methode vorgestellt, mit der man Misshandlungen anhand der Verletzungsmuster der Opfer diagnostizieren kann. So hat der britische Experte Jonathan Sibert von der University of Wales in Großbritannien einen Score entwickelt, mit dem Misshandlungen an Kindern klar von Unfallverletzungen abgegrenzt werden können. Dabei spielen betroffene Körperteile sowie Länge und Form der Verletzungen eine Rolle.

Kein Geld für Hilfe

Ein Besorgnis erregender Unterschied zwischen Helfertheorie und Praxis wurde Donnerstag in Wien bekannt. Die Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie stellt in sieben Bezirken ihre Arbeit ein, weil das Geld dafür fehlt. Rosa Logar, Geschäftsführerin der vom Innen- und Sozialministerium finanzierten Stelle, beklagt, dass das Budget um fünf Prozent gekürzt wurde. Es gebe nicht genug Personal, um alle 23 Bezirksstellen besetzt zu halten.

Man habe einfach einen Strich ziehen müssen. Betroffen sind die Bezirke Ottakring, Hernals, Währing, Döbling, Donaustadt und Floridsdorf. Letzterer nimmt in der Wiener Gewaltstatistik einen Spitzenplatz ein.

Interventionsstellen - sie gelten in Europa als Vorzeigemodell zur Gewaltprävention - gibt es in jedem Bundesland. Sie wurden 1997 als Betreuungseinrichtung im Gewaltschutzgesetz verankert.

Es sei generell erfreulich, sagte Logar im STANDARD-Gespräch, dass sich immer mehr Opfer gegen Gewalt in der Familie mit Anzeigen zur Wehr setzen, und auch die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniere, gleichzeitig steige aber damit der Betreuungsbedarf massiv. Ihre Stelle könne rund 1050 Betroffene pro Jahr betreuen, 2003 suchten aber 3500 Personen Hilfe - 95 Prozent davon waren Frauen und Kinder. (aw, simo, DER STANDARD Printausgabe 4.6.2004)