Lehrer sind Idealisten. Nicht alle von ihnen, aber viele. Viele Berufsanfänger sind aber offenbar auch Illusionisten, wie ein Modellprojekt an der Uni Innsbruck zeigt. Dort werden die Möchtegern-Pädagogen am Beginn ihres Studiums gebeten, sich auf einer Linie von null bis hundert Prozent mit ihrer fachlichen Kompetenz zu positionieren. Der Großteil spricht sich selbst 70 bis 80 Prozent Fachkompetenz zu - vor Studienbeginn! Bei der Selbsteinschätzung ihrer pädagogischen Kompetenz stellen sich überhaupt gleich fast alle zur Hundert-Prozent-Marke. Das bisschen Unterricht . . . Von wegen, meint Projektchef Michael Schratz und spricht von "Anfängerarroganz". Das bisschen Unterricht ist nämlich mitunter ganz schön hart, vor allem aber ist es das Kerngeschäft der Schule. Darauf werden die Lehrerinnen und Lehrer aber nicht adäquat vorbereitet. Und daher ist es nur konsequent und hoch an der Zeit, dass Bildungsministerin Elisabeth Gehrer und die Experten der Zukunftskommission die Professionalisierung des Lehrberufs ins Zentrum der Bildungsreform stellen wollen. Motto: Wer die Schule verändern will, muss bei den Lehrern anfangen. Entscheidend wird sein, wie die Umwandlung der Pädagogischen Akademien in Hochschulen vonstatten gehen wird. Ein bloßer Etikettenwechsel ohne substanzielle Änderungen in der Lehrerausbildung wird die Krise der Schule, die auch eine Krise der Lehrer ist, nicht lösen, er wird sie verschärfen. Die Lehrer müssen vor allem lernen, wie sie eigenverantwortliche, inspirierende Lernprozesse initiieren und steuern können. Aus Arbeit im Unterricht würde mehr Arbeit am Unterricht werden. Das fordert vielen Lehrern ein neues Selbstverständnis ab. Aber es birgt auch die Chance auf eine Schule, in der sich Lehrer und Schüler wohler und anerkannter fühlen könnten als heute. (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.6.2004)