Washington/Wien – Es ist ein Sieg für die Pentagon-Fraktion, die am liebsten alles, was in den USA schief läuft, dem Außenministerium und der CIA anlasten will: Der Rücktritt des noch aus der Clinton- Ära stammenden CIA-Chefs George Tenet am Donnerstag kann gut als dessen Eingeständnis verkauft werden, dass er und seine Organisation allein für die vielen Informationspannen rund um den "war against terror" und den Irakkrieg verantwortlich sind.

Die New York Times berichtet von einem klassifizierten 400-Seiten-Report des Geheimdienstausschusses des Senats, in dem Tenet derartig sein Fett abkriegt, dass sogar Tenet-Kritiker das Papier als "nicht ausgewogen" bezeichnen. Dazu steht in Kürze der Bericht zu 9/11 an: Auch hier ist harsche Kritik zu erwarten. Zwar wird es im Umkreis Tenets bestritten, aber es ist durchaus möglich, dass der Rücktritt etwas mit diesen Berichten zu tun hat – vielleicht nicht so sehr, weil Tenet sich schuldig fühlt, sondern weil er die Nase voll hat.

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Tenets Verantwortung ist indes im Prinzip unbestreitbar: Man erinnere sich an das aussagekräftige Bild, als er im UNO-Sicherheitsrat direkt hinter US-Außenminister Colin Powell saß, der seine Aussagen zu den irakischen Massenvernichtungswaffen tätigte – die sich auf falsche Geheimdienstinformation stützten. Dass das zentrale Stück dieser Falschinformationen – die mobilen Biowaffenlabors – offensichtlich von einer von dem irakischen Politiker Ahmed Chalabi eingeführten Quelle stammten, hat dessen Gönnern im Pentagon aber nicht geschadet. Auch nicht, dass Chalabi zuletzt vorgeworfen wurde, US-Geheimdienstinformationen an den Iran verraten zu haben: laut Pentagon alles eine "CIA-Intrige". Der 3. Spalte Rücktritt Tenets sieht wie eine Bestätigung Chalabis und seiner Freunde aus.

Juan Cole, Historiker und Arabist (University of Michigan), sieht Tenets Verantwortung – auf die dieser viel früher mit Rücktritt reagieren hätte müssen – aber vor allem in dessen Schweigen wider das eigene, bessere Wissen: Obwohl Tenet selbst nie an ein Atomwaffenprogramm des Irak geglaubt habe, habe er hingenommen, dass die Bush- Regierung damit ihre Kriegspolitik untermauert habe. Auch die Behauptung, dass der Irak versucht habe, in Niger Uran einzukaufen, sei Tenet als Fälschung bekannt gewesen: Und trotzdem habe er nichts getan, als sie Bush 2003 in seine State-of-the-Union- Rede aufgenommen habe.

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Langsam kocht der zweite Teil der Niger-Geschichte wieder hoch, aus dieser Ecke könnte auch für Bush, der deswegen soeben einen privaten Rechtsanwalt engagiert hat, noch Ärger kommen: Aus Rache am früheren US-Botschafter Joe Wilson war dessen Frau, Valerie Plame, als CIA- Agentin enttarnt worden. Wilson hatte enthüllt, dass die US-Regierung wissen musste, dass die Niger-Geschichte eine Fälschung war. Bush-Kritiker sagen, der "leak" zur Enttarnung Plames kam direkt aus dem Weißen Haus.

Seine Ergebenheit Bush und dem Weißen Haus gegenüber war die Crux Tenets, die die Unabhängigkeit des Geheimdienstes schwer beschädigte. Im Wettbewerb um die Gunst des Präsidenten – die offensichtlich am ehesten zu erwerben war, wenn man Argumente für den Irakkrieg lieferte – gab Tenet auch dem Druck nach, der von einer extra für diesen Zweck vom Pentagon kreierten Geheimdienstgruppe kam: Wenn Tenets CIA nichts lieferte, dann lieferten eben die anderen.

Neben Tenet, der Mitte Juli geht, verabschiedete sich am Freitag auch der CIA-Spitzenmann James Pavitt. Ein Neustart für die CIA wäre ja tatsächlich wünschenswert, ob sie unter den derzeit herrschenden politischen Umständen überhaupt möglich ist, bleibt offen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.6.2004)