Brüssel - Auf der Suche nach einem Kommissionspräsidenten hat der irische EU-Ratspräsident Bertie Ahern nun seinen Favoriten enthüllt: "Alle wollten Jean-Claude Juncker." Der hat aber für die Nachfolge von Romano Prodi schon lange abgesagt.

Seit Wochen schon tourt EU-Ratspräsident Bertie Ahern durch die Hauptstädte, um einen Kandidaten für den Kommissionspräsidenten zu finden, dem die Staatschefs beim Gipfel Mitte Juni zustimmen. Dabei hätte die Suche nach einem Nachfolger für Romano Prodi so leicht sein können: "Jeder wollte Jean-Claude Juncker", erklärte Ahern am Freitag bei einem Besuch in Luxemburg den dortigen Regierungschef Jean-Claude Juncker zu seinem Favoriten - und zu dem der anderen EU-Staatschefs.

Luxemburgs Regierungschef Juncker ist allerdings ein Favorit im Konjunktiv: Er hat bereits vor langer Zeit für den Posten des Kommissionspräsidenten abgewunken. Dabei, so Ahern, hätte er den Job sicher bekommen - wenn er eben nicht abgesagt hätte.

Juncker hat die Prodi-Nachfolge mit dem Argument abgelehnt, dass in Luxemburg am Tag der Europawahlen, dem 13. Juni, Parlamentswahlen stattfinden und er dabei auf seine Wiederwahl hoffen kann. Wenige Tage nach den Wahlen, am 17. und 18. Juni, küren die Staats- und Regierungschefs den neuen Kommissionspräsidenten.

Kehrtwendung

Selbst wenn Junckers Nein nur ein taktisches Manöver gewesen sein sollte, halten viele die Zeit für eine Kehrtwendung zu kurz. Außer Großbritannien, dem der 49-jährige Regierungschef aus Luxemburg zu föderal ist, wären keine Bedenken gegen ihn zu erwarten gewesen. Juncker ist der längstgediente EU-Staatschef, er wäre bereits der dritte Kommissionspräsident aus dem kleinen Luxemburg.

Ob Juncker sich tatsächlich zur Prodi-Nachfolge bitten lässt, wird bezweifelt. Immerhin ist Luxemburg nach den Niederlanden ab 2005 mit dem EU-Vorsitz an der Reihe, Juncker will in dieser Zeit sein Gewicht für eine Reform des EU-Stabilitätspakts nutzen.

Mehr Zeit

Ein Ja Junckers wird nur dann für wahrscheinlich gehalten, wenn die Entscheidung über den Kommissionspräsidenten verschoben wird, was derzeit als Möglichkeit kolportiert wird. Dann hätte er mehr Zeit, seine derzeitige Haltung zu ändern. Als Mitglied der konservativ-christdemokratischen Europäischen Volkspartei hätte er auch die Unterstützung der größten Fraktion im EU-Parlament. (eli/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.6.2004)